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Saar-Handwerk mit Rekordzahl an Aufträgen
Längere Wartezeiten auf Handwerker

Friederike von Sichart lernt Zimmerin. Das Handwerk wirbt um mehr mutige Frauen in einstigen Männerberufen.
Friederike von Sichart lernt Zimmerin. Das Handwerk wirbt um mehr mutige Frauen in einstigen Männerberufen. FOTO: dpa / Franziska Kraufmann
Saarbrücken. Saar-Betriebe kommen mit dem Abarbeiten von Aufträgen kaum nach. Die Frühjahrskonjunktur bringt ein weiteres Hoch. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), ist bei Banken und Verbrauchern unbeliebt wegen seiner Null-Zins-Politik, dem Saar-Handwerk-verschafft er dagegen derzeit einen Aufschwung. Bernd Wegner, Präsident der Handwerkskammer, sagte am Freitag in der Frühjahrs-Pressekonferenz, statt zu sparen investierten immer mehr Saarländer in die Modernisierung und Renovierung ihrer Häuser und Wohnungen. Das bringe zahlreichen Handwerksbetrieben in der Region weitere Aufträge, führe im Gegenzug aber mittlerweile zu einem Auftragsstau.


Die Aufträge sorgten derzeit im Schnitt für eine zehnwöchige Auslastung der Betriebe. Wegner bat um Verständnis für mögliche Wartezeiten. Die seien zudem auch darauf zurückzuführen, dass das Saar-Handwerk quer durch alle Bereiche kaum noch Fachkräfte finde. Es könne also auch nicht ohne Weiteres zusätzliches Personal eingestellt werden. Deshalb fordern Wegner sowie Kammer-Hauptgeschäftsführer Arnd Klein-Zirbes verbindliche Praktika für Schüler an allen Schulformen. Nur so werde die Unternehmenswirklichkeit unverzerrt erlebbar und bekämen junge Menschen frühzeitig sinnvolle Alternativen zu einem Studium aufgezeigt. Es mache keinen Sinn, ohne Plan ein Studium zu beginnen, aber dann womöglich schnell zu den laut Wegner 30 Prozent Studienabbrechern zu gehören.

Um wenigstens einigermaßen den Bedarf an Nachwuchs- und Fachkräften decken zu können, will die Kammer auch mehr auf Jugendliche aus Frankreich zurückgreifen. Deshalb erwägt sie nach Angaben von Klein-Zirbes die Einstellung eines Ausbildungsberaters, der sich speziell auch um die Sorgen und Probleme junger Franzosen kümmern soll. Manche können sich zwar ein Praktikum oder eine Ausbildung an der Saar vorstellen, schrecken aber noch davor zurück, weil sie zum Beispiel Sprachprobleme befürchten. Klein-Zirbes verweist darauf, dass auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron das Arbeiten jenseits der Grenze unterstützt. Junge Franzosen sollten künftig, bis sie 25 Jahre alt sind, idealerweise zwei Auslandsaufenthalte in ihrem Lebenslauf vorweisen können.



Unterdessen erreicht das saarländische Handwerk einen Rekord nach dem anderen. Hielt Präsident Wegner Ende vergangenen Jahres eine weitere Verbesserung kaum noch für möglich, wird er von der Frühjahrsumfrage 2018 unter den Mitgliedsbetrieben widerlegt. Neben den Aufträgen steigen auch die Umsätze weiter an. 93 Prozent der Betriebe sehen eine stabile oder sogar noch bessere Geschäftsentwicklung in den kommenden Monaten voraus. Dazu passt, dass zwölf Prozent der Unternehmen zusätzliches Personal einstellen wollen. Für das Handwerk prognostiziert Wegner daher eine parallele Entwicklung zur Gesamtkonjunktur in Deutschland: „Es sieht weiter nach Volldampf aus.“