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Immobilien
Hausbau auf dem Land läuft aus dem Ruder

 Symbolfoto
Symbolfoto FOTO: Fredrik von Erichsen / picture alliance / Fredrik Von E
Saarbrücken. Im Saarland droht eine weitere Verödung von Ortskernen. Eine Studie warnt vor zu vielen Neubauten in ländlichen Gebieten. Von: Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Hans-Joachim Hoffmann rauft sich die Haare. Man könne das ganze Elend schon sehen, wenn  man nur mal durch Gersweiler geht, sagt der erste Vorsitzende des Eigentümerverbandes Haus und Grund Saarbrücken. In der Krughütter Straße etwa verfielen immer mehr Häuser, während gleichzeitig am Ortsrand neue Häuser gebaut werden. Das stelle die Verhältnisse auf den Kopf, zumal man sich auch endlich mal darüber im Klaren sein müsse, dass die Neubaugebiete überall im Saarland ja auch eine professionelle und ständig funktionierende Infrastruktur benötigen: Leitungen und zahlreiche andere Dienstleistungen. „Wer soll das eigentlich alles bezahlen in Zeiten, in denen gleichzeitig die Bevölkerung immer weiter zurückgeht“, fragt Hoffmann, der gerade im Saarland mit seinen großen demografischen Problemen eine gewaltige Fehlentwicklung im Bauwesen ausmacht.



Er findet es sehr bedenklich, dass angesichts solch negativer Perspektiven die Kommunen auch noch als Konkurrenten untereinander um Neubaugebiete und Neubürger auftreten. „Am Ende dieser Entwicklung werden mehr und mehr  Kommunen pleite sein, weil immer mehr Flächen veröden statt zum Anziehungspunkt zu werden“, prognostiziert Hoffmann. Er fordert die Landesregierung zum Einschreiten auf. Sie müsse sozusagen als Kontrollinstanz auftreten und klare Vorgaben machen. Dazu gehöre, dass Bürgermeister erst dann Neubaugebiete ausweisen dürfen, wenn sich die Kommune zuvor darum kümmere, dass neues Leben in bereits leer stehende Häuser kommt. Oder es müsse sichergestellt werden, dass im Gegenzug für Neubauten andernorts in der Kommune Häuser abgerissen werden. „Bei den meisten Kommunen fehlt Vernunft“, kritisiert Hoffmann. Zumal man Bauherren auch zusätzliche  steuerliche Anreize oder Abschreibungs-Möglichkeiten einräumen könne, wenn sie sich um neue Ideen für leer stehende Häuser kümmern, regt er an.

Unterstützung bekommt er vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.  Es macht in einer neuen Studie ein großes Missverhältnis zwischen Bedarf und Wirklichkeit beim Bau neuer Einfamilienhäuser in ländlichen Gebieten im Saarland aus. Am stärksten könne man das im Landkreis St. Wendel sehen. Hier liege das vorhandene Angebot 736 Prozent über dem Bedarf. Es folgen der Kreis Saarlouis mit 567 Prozent und der Kreis Merzig-Wadern mit 181 Prozent. Mit einher gehe eine immer stärkere Zersiedelung durch Neubaugebiete in Konkurrenz zu zunehmend verödenden Ortskernen.

Das Institut kritisiert vor allem die gängige Praxis der Kommunen: Vielerorts wiesen Bürgermeister Bauland zu großzügigen Preisen aus, nur um möglichst viele Neubürger zu gewinnen. Im Visier stünden dabei vor allem junge Menschen. Diese zieht es nach  den Untersuchungen des IW inzwischen jedoch nicht mehr auf das flache Land, sondern in die größeren Städte, weil dort die Arbeits-, Einkaufs- und Lebensbedingungen attraktiver seien.

Für die Studie hat das Kölner Institut eine Baubedarfsberechnung für die Jahre 2011 bis 2015 erstellt. Gleichzeitig griff es bundesweit auf Bevölkerungsprognosen bis  2030 zurück, die die einzelnen Kreise zur Verfügung gestellt haben. Zwar räumt das Institut ein, dass die Folgen der Flüchtlingskrise inklusive des Wohnraumbedarfs noch nicht in die Studie eingeflossen seien. An der festgestellten Gesamttendenz ändere aber auch das wenig. Als Hauptkonsequenz aus den ermittelten Fakten  fordert das IW keine weitere Ausweisung neuer Bauflächen. Mittlerweile sei das Flächensparen auch verstärkt im Bewusstsein der politischen Akteure angekommen. Es werde auch schon einiges versucht. Allen Beteiligten müsse jedoch klar sein,  dass der Abbau von Leerstand deutlich schwerer ist als die Begrenzung des Neubaus. Das saarländische Bauministerium wollte die Studie gestern nicht kommentieren. Auch vom saarländischen Städte- und Gemeindetag war keine Stellungnahme zu erhalten.