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Grenzüberschreitende Ausbildung
In Deutschland lernen, in Frankreich zur Schule

Charles Brastenhofer an einem elektrischen Prüfstand, den er im Rahmen seiner Abschlussarbeit selber geplant und gebaut hat.
Charles Brastenhofer an einem elektrischen Prüfstand, den er im Rahmen seiner Abschlussarbeit selber geplant und gebaut hat. FOTO: Joachim Wollschläger
Homburg. Seit vier Jahren gibt es die grenzüberschreitende Ausbildung zwischen Saarland und Lothringen. Bei Michelin gibt es nun den ersten Abschluss. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

(jwo) Charles Brastenhofer ist an seinem künftigen Arbeitsplatz schon heimisch. Wie selbstverständlich sitzt er an den Geräten der Leitwarte, in denen das Energiemanagement von Michelin gesteuert wird. Zwar muss der 21-Jährige hier noch einmal eine Einarbeitungsphase durchlaufen, den schwierigsten Teil allerdings hat der Franzose gerade abgeschlossen – eine Ausbildung über die Grenze hinweg.


Brastenhofer ist der erste deutsch-französische Auszubildende, der bei Michelin die grenz­überschreitende Ausbildung abgeschlossen hat. 2014 gehörten er und ein weiterer Franzose zu den ersten Azubis bei Michelin, die diesen Weg eingeschlagen haben.

„Wir hatten damals kurz vor dem Abitur eine Werksführung bei Michelin in Homburg gemacht“, erinnert sich Brastenhofer. Damals habe der Ausbildungsleiter, Michael Metzen, ihnen auch das Programm vorgestellt, das bei Michelin Premiere haben sollte. „Ich habe mich dann beworben, obwohl ich damals ein bisschen ängstlich war, ob es wirklich klappt“, erzählt er. Doch nach einem persönlichen Gespräch und einer praktischen Eignungsprüfung hatte er den Job.



Metzen ist sichtlich stolz auf seinen erfolgreichen Azubi, denn der, so sagt er, habe eine deutlich härtere Ausbildung durchlaufen als seine 14 deutschen Kollegen. Neben der praktischen Ausbildung im Homburger Werk musste der Azubi, der nahe Saargemünd wohnt, alle vier Wochen für 14 Tage in eine Berufsschule in der Nähe von Metz fahren. Nicht nur der Weg von fast 100 km waren eine Belastung, auch die theoretische Berufsschulausbildung ist deutlich härter als in Deutschland. „Der Abschluss dort entspricht in der Theorie in etwa dem deutschen Techniker-Abschluss“, sagt Metzen. Brastenhofer hielt durch. Drei Jahre Ausbildung hat er absolviert, jetzt auch die Facharbeiter-Prüfung in Deutschland abgelegt. Sein Mit-Lehrling dagegen hat das Ziel nicht erreicht. Er hat vorzeitig abgebrochen. „Es ist wirklich eine stressige Ausbildung“, sagt Brastenhofer.

Für Michelin ist die grenzüberschreitende Ausbildung ein Zukunftsmodell. Personalleiter Thomas Hoffmann sagt, dass das Unternehmen mittlerweile jährlich vier Plätze für französische Azubis offen hält. In den vergangenen Jahren konnten jeweils zwei besetzt werden. Dass es nicht mehr sind, dafür gebe es mehrere Faktoren: „Einmal hat die praktische Ausbildung in Frankreich keinen hohen Stellenwert“, sagt Hoffmann. Der Trend zur akademischen Ausbildung, der auch in Deutschland zunimmt, sei in Frankreich sehr ausgeprägt. „Außerdem sprechen die Jüngeren jenseits der Grenze kaum noch Deutsch.“ Und obwohl Michelin ein weitgehend zweisprachiges Unternehmen ist, ist für die Ausbildung eine gewisse Deutschkenntnis nötig. Brastenhofer hatte das Glück, dass er in seiner Familie viel Platt gesprochen hat und so schon recht gut Deutsch konnte.

Hoffmann will trotz der Hürden weiter französische Jugendliche für die grenzüberschreitende Ausbildung begeistern. „In Zeiten des demografischen Wandels ist es für mich schon selbstverständlich, dass wir jenseits der Grenze nach Arbeitskräften suchen“, sagt er. Schließlich gebe es dort eine Jugendarbeitslosigkeit von über 25 Prozent. „Wir tun alles, um den Jugendlichen dort zu zeigen, dass Handwerk eben doch goldenen Boden hat“, sagt Metzen.

Für Bastenhofer war es auf jeden Fall hilfreich, dass er in einem deutsch-französischen Unternehmen gelernt hat. „Wenn ich ein deutsches Wort nicht wusste, habe ich Kollegen auf Französisch fragen können, wie es heißt“, sagt er. Die Kombination von deutschen und französischen Auszubildenden sei auch ein Gewinn gewesen, sagt Metzen. So hätten sie sich gegenseitig die jeweils eigene Sprache beigebracht.

Bastenhofer, der jetzt offiziell Elektroniker für Betriebstechnik und Automatisierungstechnik ist, kann jetzt mit seinem Abschluss sowohl in Deutschland als auch in Frankreich arbeiten. Für ihn ist aber klar, dass er bei Michelin bleiben will. Den Vertrag hat er bereits unterzeichnet.