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Energie
Im Kraftwerk Ensdorf stehen die Turbinen still

Im Sommer stand das Kraftwerk Ensdorf noch unter Strom. Diese Zeit ist jetzt vorbei.
Im Sommer stand das Kraftwerk Ensdorf noch unter Strom. Diese Zeit ist jetzt vorbei. FOTO: Iris Maria Maurer
Ensdorf/Saarbrücken. Die Stromproduktion im Kraftwerk Ensdorf ist Geschichte. Doch das Gelände soll nicht brachliegen, sondern neu genutzt werden. Von Lothar Warscheid
Lothar Warscheid

In Ensdorf ist gestern ein bemerkenswertes Kapitel saarländischer Industrie- und Energiegeschichte zu Ende gegangen. In den beiden Steinkohle-Kraftwerksblöcken sollte der letzte Strom erzeugt werden. Danach war Schluss. Doch schon gestern passierte auf der Produktionsseite nichts mehr. Vielmehr verbrauchten die beiden Kraftwerksblöcke Strom, wie aus den Netzeinspeise-Daten hervorging.



Das Ende war schon im Juni eingeläutet worden. Damals hatte der Energiekonzern VSE die Stilllegung der Stromfabriken beschlossen, weil Saarstahl und die Saarschmiede den Pacht- und Betriebsführungsvertrag für den Block 3 über das Jahr 2017 hinaus nicht mehr verlängern wollten. Das bedeutete den Todesstoß für beide Blöcke. „Ein wirtschaftlicher und technisch sicherer Betrieb des Kraftwerks Ensdorf im Jahr 2018 ist nicht mehr darstellbar, so dass davon ausgegangen wird, dass dort eine Stromproduktion im Jahr 2018 nicht mehr möglich sein wird“, teilte die VSE auch jetzt wieder auf Anfrage mit.

Im Sommer war außerdem bei der Bundesnetzagentur und beim  Übertragungsnetzbetreiber Amprion die Stilllegung der Kraftwerke beantragt worden. Bei der Netzagentur ist die Schließung als „geplant endgültig“ registriert. Amprion hingegen prüft noch, ob die Standorte in Ensdorf für die Stabilität des Stromnetzes systemrelevant sind. Diese Prüfung „ist noch nicht abgeschlossen“, sagte gestern ein Amprion-Sprecher auf Anfrage. Dafür habe man ein Jahr Zeit.

Rund 100 Mitarbeiter waren zuletzt im Kraftwerk beschäftigt. Derzeit sind es nach Angaben der Gewerkschaft Verdi noch zwölf. Der Verdi-Landesleiter Rheinland-Pfalz/Saarland, Michael Blug, geht allerdings davon aus, dass diese, wie auch die anderen Mitarbeiter, nach dem Ende des Stilllegungs-Prozesses ein Arbeitsplatz-Angebot erhalten. Er rechnet damit, dass bis Ende 2018 „jeder eine berufliche Perspektive hat“. Es könne nicht sein, „dass energiepolitische Entscheidungen auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen werden“.

Wenn das Kraftwerk Geschichte ist, soll die 53 Hekar große Fläche nicht brachliegen, sondern für Industrie- und Gewerbeansiedlungen aufbereitet werden. Die VSE will die Parzellen allerdings nicht verkaufen, sondern in Erbpacht vermieten. Die Gemeinde Ensdorf hat in dieser Woche einer Änderung des Flächennutzungsplans bereits zugestimmt. Einer der größten Investoren will der Entsorgungsverband Saar (EVS) werden. Er möchte auf dem Areal ein Grünschnitt-Verwertungszentrum mitsamt einem Biomasse-Kraftwerk errichten.



In Ensdorf wurde seit 1961 in zwei Blöcken Strom erzeugt.  1972 kam Block 3 dazu, der mit einer Leistung von 310 Megawatt (MW) bis gestern das Rückgrat des Kraftwerks-Standortes bildete. Einer der beiden kleineren Blöcke war in den 1990er Jahren stillgelegt worden. Die Stromfabriken konnten über Jahrzehnte hinweg auch deshalb wirtschaftlich arbeiteten, weil sie ihre Kohle aus dem benachbarten Bergwerk Ensdorf bezogen – die Transportkosten gingen gegen Null. Außerdem waren die Brennkammern auf diese Ballastkohle ausgerichtet. Im Jahr 2012 war damit Schluss, so dass die Kraftwerke seitdem auf Importkohle in unterschiedlicher Qualität angewiesen waren.

In den 2000er Jahren sollte in Ensdorf bei der Verstromung noch einmal das ganz große Rad gedreht werden. Damals wollte der Energiekonzern RWE  dort einen Steinkohle-Doppelblock mit einer  Leistung von 1600 MW errichten. Die Pläne scheiterten jedoch an der  massiven Gegenwehr in der Bevölkerung.