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Warum junge Saarländerinnen Steinmetz werden wollen
Im Kölner Dom hat es bei ihr gefunkt

Jessica Jungbauer (rechts) und Nora Schirra erlernen den Beruf Steinmetz. Raimund Becker, Vorstand in der Bundesagentur für Arbeit, besuchte gestern im Rahmen der „Woche der Ausbildung“ den Ausbildungsbetrieb in Neunkirchen.
Jessica Jungbauer (rechts) und Nora Schirra erlernen den Beruf Steinmetz. Raimund Becker, Vorstand in der Bundesagentur für Arbeit, besuchte gestern im Rahmen der „Woche der Ausbildung“ den Ausbildungsbetrieb in Neunkirchen. FOTO: Iris Maria Maurer
Neunkirchen . Zwei Saarländerinnen wollen Steinmetz werden. Bei der Arbeitsagentur ist man froh darüber, wenn Frauen typische Männerberufe für sich entdecken. Von Thomas Sponticcia

Bei Jessica Jungbauer (20) aus Illingen hat es gefunkt. Ausgerechnet im Kölner Dom. Dort konnte sie während einer Führung miterleben, wie ein Steinmetz eine Figur mit größter Präzision, ruhiger Hand und viel handwerklichem Geschick restaurierte. „Cool“ fand die Saarländerin das, die zu diesem Zeitpunkt ein soziales Jahr in der Denkmalpflege absolvierte. „Steinmetz, das ist genau mein Beruf“, sagte sie sich daraufhin. „Flächen und Figuren mit verschiedensten Materialien millimetergenau bearbeiten, das erfordert höchste Konzentration und ist harte Arbeit. Wenn man dann aber selbst sieht, wie etwas entsteht, das 200 Jahre lang hält, das ist für mich ein großartiges Gefühl“, schwärmt die junge Frau.


Begeisterung bringt auch ihre Kollegin Nora Schirra (17) aus Wemmetsweiler mit. Sie wurde durch das Buch „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett inspiriert. Dort geht es um den Bau einer mittelalterlichen Kathedrale in England. „Ich war gleich begeistert, wollte unbedingt ein Praktikum als Steinmetz machen“, erzählt Schirra, die jetzt ebenfalls die dreijährige Ausbildung absolviert. „Ein Praktikum ist die beste Methode, um herauszufinden, ob der Berufswunsch mit der Realität übereinstimmt“, sagt Markus Glöckner: Meister, Restaurator im Steinmetzhandwerk und Chef des Familienbetriebs „Natursteine Markus Glöckner“ in Neunkirchen-Hangard. Der Betrieb hat 24 Mitarbeiter. Glöckners Frau Katja Hobler betreut die angehenden Steinmetze mit, zum Beispiel in Projektwochen, die Bestandteil des Berufsschul-Unterrichtes sind. Nach der erfolgreichen Abschlussprüfung können die jungen Frauen im Betrieb bleiben und bekommen die Chance, sich zur Meisterin oder Restauratorin weiterzuqualifizieren. Markus Glöckner freut sich, dass immer mehr Frauen diesen Beruf für sich entdecken, der früher eine Männerdomäne war.

Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Saarland-Rheinland-Pfalz, ermutigt Frauen dazu, sich solche Berufe zu erobern. „In familiengeführten Unternehmen wird man besonders gut angenommen, arbeitet im Team, kann sich einbringen, bekommt früh Verantwortung übertragen und steht im ständigen Austausch mit dem Chef oder der Chefin.“



Im Neunkircher Betrieb finden regelmäßige Team-Besprechungen statt. Dort ist man als Mitarbeiter auch gefragt, wenn es um Investitionen oder neue Strategien geht.  Solch ein Zusammenhalt sei ein Vorteil gegenüber größeren, anonymen Industriebetrieben, sagt Raimund Becker vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Er schaut sich in dieser „Woche der Ausbildung“ gemeinsam mit Heidrun Schulz den Steinmetzbetrieb als Beispiel für die Ausbildung von Frauen an. „Ein idealer Beruf für handwerklich begabte Frauen, die gerne mit verschiedensten Materialien arbeiten, kreativ sind und etwas gestalten wollen“, sagt Becker. Er appelliert an Eltern, ihren Töchtern nicht nur typische Frauenberufe zu empfehlen.

Viele identifizieren den Steinmetz nur mit der Herstellung von Grabsteinen. Wegen vielfältigerer Formen der Beisetzung, wie etwa auf See oder in der Natur, hätten sich Steinmetze jedoch längst zusätzliche Betätigungsfelder erschlossen, erläutert Glöckner. Sie bearbeiten Naturstein und Kunststeine zu Fassadenplatten, Treppen, Steinmauern und Fensterbänken oder fertigen auch Schriften und Ornamente an. Jessica Jungbauer hat schon konkrete Pläne: „Nach der Prüfung  möchte ich später meine Meisterin machen und Restauratorin werden. Ich bin schon ganz gespannt und finde das Ganze faszinierend.“