| 21:11 Uhr

Metall-Tarifstreit
IG-Metall beklagt Blockade der Arbeitgeber

Jörg Köhlinger, Verhandlungsführer des IG Metall-Bezirks Mitte, zu dem auch das Saarland gehört, beim Interview mit der Saarbrücker Zeitung: „Die Branche ist trotz der Entgeltsteigerungen nicht untergegangen.“ 
Jörg Köhlinger, Verhandlungsführer des IG Metall-Bezirks Mitte, zu dem auch das Saarland gehört, beim Interview mit der Saarbrücker Zeitung: „Die Branche ist trotz der Entgeltsteigerungen nicht untergegangen.“  FOTO: Robby Lorenz
Ein zentraler Punkt der Metall-Tarifforderungen ist eine verpflichtende Teilzeit-Regelung. Die Arbeitgeber wollen darüber nicht reden. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Herr Köhlinger, die IG Metall fordert in den Tarifverhandlungen neben einer Sechs-Prozent-Steigerung das Recht, für die Zeit von zwei Jahren die Wochenarbeitszeit zu verkürzen. Vor allem der zweite Punkt stößt bei den Arbeitgebern auf erbitterten Widerstand.



KÖHLINGER Die Arbeitgeber haben sogar gesagt, dass sie gar nicht bereit sind, überhaupt über das Thema zu reden. Dabei wird aber auch deutlich, dass es hier nicht um eine politische Frage geht, sondern um eine Haltungsfrage. Sie wollen das gar nicht.

Die Arbeitgeber haben erst vor wenigen Tagen ein Rechtsgutachten präsentiert, mit dem sie belegen, dass die Forderung und somit auch die Warnstreiks rechtswidrig sind.

KÖHLINGER Das ist richtig. Aber ehrlich gesagt, nehme ich das Gutachten nicht so furchtbar ernst. Die Arbeitgeber kennen unsere Forderung seit drei Monaten. Und unmittelbar im Vorfeld der Warnstreikphase präsentieren sie das Gutachten. Das ist schon sehr durchsichtig. Wir halten unsere Forderungen für absolut rechtmäßig. Die Arbeitgeber argumentieren ja, dass es eine Benachteiligung der Arbeitnehmer geben würde, die jetzt schon in Teilzeit sind. Wir fordern aber keine neue Teilzeit-Regelung, sondern wir fordern eine verkürzte Vollzeitregelung. Und die ist in bestimmten Fällen mit einem Lohnzuschuss kombiniert. Das ist eine ganz andere Sache. Ich finde es auch erstaunlich, dass sich die Arbeitgeber ausgerechnet jetzt zum Anwalt insbesondere weiblicher Beschäftigter machen, die in Teilzeit ohne Rückkehrrecht in die Vollzeit arbeiten. Genau gegen dieses Rückkehrrecht sind die Arbeitgeber aber noch vor der Bundestagswahl zu Felde gezogen. Für mich haben die Arbeitgeber hier ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Nach Aussage der Arbeitgeber wäre aber auch die Produktionssicherheit gefährdet, wenn die Mitarbeiter selber entscheiden könnten, ob und wann sie in Teilzeit gehen.



KÖHLINGER Aus meiner Sicht geht es bei dem Konflikt vor allem um die Frage, wer die Macht über die Arbeitszeiten hat. Wir treten für mehr Zeitsouveränität der Beschäftigten ein, für mehr Selbstbestimmung und für weniger Belastung. Die Arbeitgeberseite will genau das Gegenteil, nämlich die Arbeitszeiten ausweiten und entscheiden dürfen, wann die Arbeitnehmer mehr arbeiten. Wir halten das für die falsche Strategie: Wer im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen will, braucht attraktive Arbeitsbedingungen und flexiblere Arbeitszeiten. Wir haben ja jetzt bereits die Situation, dass Bewerber schon im Einstellungsgespräch fragen, welche Möglichkeiten der Flexibilität es unter anderem für Kindererziehung oder Pflege gibt.

Trotzdem ist das Argument nicht von der Hand zu weisen, dass es Probleme mit der Produktion geben kann.

KÖHLINGER Wir haben doch jetzt schon Situationen, wo unerwartet temporär Beschäftigte ausfallen. Beispielsweise durch Krankheit oder sonstige Gründe. Und auch schon jetzt bekommen es die Unternehmen ganz gut hin, ihre Produktion zu sichern. Dafür muss der Arbeitgeber einfach eine Personalreserve vorhalten. Das ist planbar und steuerbar. Außerdem darf man ja auch nicht unterstellen, dass sofort 100 Prozent aller Arbeitnehmer von der Teilzeitoption Gebrauch machen. Das wäre doch absurd. Wir wollen ja nicht eine kollektive Arbeitszeitverkürzung durchsetzen, sondern nur die Option schaffen, von dieser Regelung temporär Gebrauch zu machen, beispielsweise um Kinder zu betreuen oder ein Familienmitglied zu pflegen. Die Inanspruchnahme wird ganz sicher überschaubar sein.

Die Arbeitgeber stören sich aber auch daran, dass Sie zusätzlich zur verkürzten Arbeitszeit noch einen Teilzeitausgleich von 200 Euro fordern. Also eine Bezahlung für nicht geleistete Arbeit.

KÖHLINGER Das gibt es in der Tarifvertragslogik doch schon lange. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist eine Bezahlung für nicht geleistete Arbeit ebenso wie der bezahlte Urlaub und auch das zusätzliche Urlaubsgeld. Beide stehen jedoch im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis und sind letztlich auch sozialpolitisch durchgesetzt worden. Ebenso die Alters­teilzeit. Die Arbeitgeber sagen aber auch, dass sie für das Thema Kindererziehung und Pflege nicht zuständig sind, weil es ein sozialpolitisches Thema ist. Fakt ist aber, dass sie sich damit ihrer sozialen Verantwortung entledigen, denn die Beschäftigten müssen diese Leistungen, also Pflege und Kindererziehung, ja trotzdem erbringen. Wir sind überzeugt, dass die Arbeitgeber verpflichtet sind, sich auch an dieser gesellschaftlich notwendigen Aufgabe zu beteiligen.

In der Metall- und Elektroindustrie sind in den vergangenen 25 Jahren die Einkommen um 107 Prozent nominal und 30 Prozent real gestiegen. Und jetzt wollen sie noch einmal sechs Prozent mehr. Ist das nicht überzogen?

KÖHLINGER Bemerkenswerterweise ist die Branche trotz der Steigerungen nicht untergegangen. Wir haben in jeder Tarifrunde gehört, dass durch die Tarifabschlüsse die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr ist in der Industrie jede Menge Geld verdient worden. Für die Unternehmen relevant sind die Lohnstückkosten. Und die sind von 2000 bis 2017 relativ konstant geblieben.

Trotzdem besteht die Gefahr, dass die Unternehmen nicht mehr hier im Land investieren, wenn die Lohnkosten zu stark steigen.

KÖHLINGER Sicherlich sind auch Entgelte ein Grund für Auslandsinvestitionen. Allerdings ist zwischen 2007 und 2017 der Anteil der Auslandsinvestitionen aus Kostengründen drastisch zurückgegangen. Der macht noch etwa ein Viertel aus. Bei den restlichen Investitionen sind die Motivationen eher Markterschließung, Kundendienste oder die Eröffnung von Auslandsdependancen aus Absatzgründen.

Die Fragen stellten Lothar Warscheid und Joachim Wollschläger