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Konzernumbau
Ford will Fertigung in Saarlouis stark kappen

Im nächsten Jahr kommt das Aus für den Ford C-Max. Damit fällt ein Teil der Produktion im Saarlouiser Ford-Werk weg. Im Saarland soll künftig nur noch der Focus gebaut werden.
Im nächsten Jahr kommt das Aus für den Ford C-Max. Damit fällt ein Teil der Produktion im Saarlouiser Ford-Werk weg. Im Saarland soll künftig nur noch der Focus gebaut werden. FOTO: rup
Saarlouis. 1600 Jobs sind im Saarlouiser Werk in Gefahr. So sehen es Pläne zum Konzernumbau vor. Der Betriebsrat pocht aber auf die vereinbarte Job-Garantie. Von Volker Meyer zu Tittingdorf
Volker Meyer zu Tittingdorf

Die Hochstimmung vom Mai ist verflogen. Damals feierten Mitarbeiter und Management im Saarlouiser Ford-Werk mit einer Riesen-Show den Produktionsstart der neuen, nunmehr vierten Generation des Focus. Nun stehen harte Einschnitte bevor. Eine komplette Schicht soll gestrichen werden. Statt rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb soll das Werk nur noch in zwei Schichten laufen – mit einer entsprechend kleineren Belegschaft. 1600 Arbeitsplätze von insgesamt 6300 fallen damit weg, wenn in den anstehenden Gesprächen mit dem Betriebsrat die Pläne der Geschäftsführung nicht noch abgemildert werden. Am Montagnachmittag wurden die Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung informiert. „Die Belegschaft ist enttäuscht – angesichts dessen, was sie in den vergangenen Jahren geleistet hat“, gerade im Vorfeld des Starts für den neuen Focus, sagte Betriebsratschef Markus Thal.


Der Stellenabbau soll möglichst sozialverträglich ablaufen, kündigte eine Ford-Sprecherin an. Rund 400 Beschäftigte gingen demnächst in Ruhestand. Die Verträge von etwa 500 Leiharbeitern, die im Juni auslaufen, würden nicht verlängert. Etwa 640 Mitarbeitern der Stammbelegschaft drohe der Jobverlust. Über Altersteilzeit und Abfindungen lasse sich aber dieser Arbeitsplatzabbau schaffen. Aufgrund der Altersstruktur der Belegschaft sei das Potenzial sogar größer als erforderlich, sagte die Sprecherin. Einer Betriebsvereinbarung zufolge sind  Kündigungen bis 2021 ausgeschlossen. Solche Vereinbarungen enthalten aber Klauseln, die Gespräche über Jobabbau erlauben, wenn sich die wirtschaftliche Situation ändert. Und „das ist der Fall“, sagte die Sprecherin.

Der Betriebsratschef sieht das alles ganz anders. „Ganz so einfach geht das nicht“ – gerade wegen der Betriebsvereinbarung. Darin sei zum Beispiel ausdrücklich ein Drei-Schicht-Betrieb festgeschrieben. Reden könne man, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten, aber „ergebnisoffen“, betonte Thal. Mit anderen Worten: Die Pläne für den Stellenstreichungen will die Arbeitnehmervertretung nicht widerspruchslos hinnehmen. Zumal Thal nicht glaubt, dass die Pläne des Managements einen sozialverträglichen Jobabbau zulassen. So bedeute ja Altersteilzeit nicht, dass die Mitarbeiter sofort aus dem Betrieb raus seien. Wenn also im kommenden Sommer der Zwei-Schicht-Betrieb anläuft, haben nach Thals Auffassung mehr als 600 Stamm-Beschäftigte keine Arbeit. Es müsse Ersatzbeschäftigung her oder eine wirklich sozialverträgliche Lösung. Oder ein neues Modell in der Fertigung, was aber bislang nicht in Sicht sei, sagte Thal.



Ganz überraschend kommen die schlechten Nachrichten nicht. Seit dem Sommer machen sich die Mitarbeiter in den europäischen Werken Sorgen. Denn Europa gilt in den Augen der Spitzenmanager am Ford-Hauptsitz in Dearborn nahe der US-Autohochburg Detroit als die größte Baustelle im Konzern. Ford-Chef Jim Hackett hatte im Juli seinem Unmut freien Lauf gelassen: „Wir sind extrem unzufrieden mit unserer Leistung in Europa.“ In den drei Monaten bis Ende Juni stand unter dem Strich ein Verlust von 73 Millionen Dollar. Die Kosten würden daher „aggressiv attackiert“, verkündete der Konzern. 25,5 Milliarden Dollar sollen bis 2022 gespart werden. Und dazu sollen die europäischen Standorte offenbar erheblich beitragen. Zumal die Verluste in Europa sich in den folgenden Monaten noch ausgeweitet haben. Im dritten Quartal belief sich das Minus auf 192 Millionen Dollar. Auch die deutschen Werke sind gefordert, obwohl sie profitabel arbeiten, wie es kürzlich noch hieß. Ford will in Europa nämlich nicht nur zurück in die schwarzen Zahlen. Ziel sind sechs Prozent Rendite vom Umsatz.

Ein Grund für schlechte Zahlen ist offenbar auch der Brexit. „Der spielt eine große Rolle“, sagte eine Ford-Sprecherin. Dort sei die Nachfrage insbesondere nach dem auch in Saarlouis produzierten C-Max besonders stark zurückgegangen. Wie überhaupt der C-Max ein besonderer Problemfall ist. Ford-Finanzchef Robert Shanks hatte den Kompaktvan C-Max im Sommer ausdrücklich als Beispiel für ein Modell genannt, das unterdurchschnittliche Ergebnisse liefert. Nun zieht das Management Konsequenzen. Die Fertigung des C-Max soll im kommenden Jahr auslaufen. Im Werk Saarlouis soll künftig nur noch der Focus gebaut werden. Nach Unternehmensangaben wurden 2013 in Deutschland noch mehr als 200 000 C-Max verkauft, 2018 noch 126 000. In diesem Jahr werden in Saarlouis etwa 282 000 Autos gebaut, sagte die Ford-Sprecherin. Davon seien gerade mal etwa 54 000 C-Max. Für das nächste Jahr wollte sie keine Prognose abgeben. Im Frühjahr hatte Betriebsratschef Thal noch angekündigt, dass jährlich 350 000 Auto in Saarlouis gefertigt werden sollten. So stehe es übrigens auch in der Betriebsvereinbarung, betonte er am Montag.