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Dearborn/Köln/Saarlouis
Ford verunsichert deutsche Mitarbeiter

(Symbolbild)
(Symbolbild) FOTO: dpa / Oliver Berg
Dearborn/Köln/Saarlouis. Der US-Autoriese Ford will die Kosten in Europa drastisch senken. Ob und wie stark der Sparhammer das Werk Saarlouis trifft, ist offen. dpa/mzt

(dpa/mzt) Das Europageschäft des zweitgrößten US-Autobauers Ford kriselt bedenklich. Der Branchenriese will deshalb die Kosten kräftig senken und tüftelt an einem großen Konzern­umbau. In der Europa-Zentrale in Köln muss man sich wohl auf harte Einschnitte gefasst machen.  Neben China gilt Europa in den Augen der Spitzenmanager am Hauptsitz in Dearborn, nahe der US-Autohochburg Detroit, derzeit als die größte Baustelle.


„Ford muss ein strukturelles Problem in Europa lösen, und da ist alles denkbar und möglich“, warnt Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Der Branchenexperte kann sich sogar vorstellen, dass Ford die Reißleine zieht, ganz so, wie es bereits der große US-Rivale General Motors mit dem Verkauf der deutschen Tochter Opel vorgemacht hat: „Ich würde nicht ausschließen, dass in Dearborn auch Szenarien über einen möglichen Ausstieg aus Europa diskutiert werden.“

Beim Mutterkonzern in Amerika zeigt man sich angesichts der Probleme alarmiert. „Wir sind extrem unzufrieden mit unserer Leistung in Europa und China“, sagte Vorstandschef Jim Hackett nach Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal. Gegenüber Finanzanalysten räumte ein: „Mit derartigen Resultaten hatten wir nicht geplant.“ Die Grundursache der Probleme habe man jedoch erkannt und werde sie angehen. Hackett hat den Spitzenposten erst im vergangenen Jahr übernommen, steht aber bereits unter enormem Druck.



Der 63-Jährige hatte zuvor die Innovationssparte Ford Smart Mobility geführt und sich als Chef der Büromöbelfirma Steelcase einen Namen gemacht. Eigentlich war er als Hoffnungsträger mit Blick auf die Entwicklung von Zukunftstechnologien wie Roboterautos und E-Antrieben angetreten, wo Ford unter seinem Vorgänger Mark Fields den Anschluss verloren hatte. Doch statt mit Tech-Themen zu glänzen, ist Hackett jetzt als Sanierer gefragt. Bis 2022 sollen 25,5 Milliarden Dollar gespart werden. Geschäftsbereiche mit unterdurchschnittlicher Leistung erhielten schlichtweg kein Geld mehr, kündigte Hackett an.

Die Zahlen in Europa sehen nicht gut aus: In der Zeit von April bis Ende Juni verschlechterte sich das operative Ergebnis im Jahresvergleich um 195 Millionen Dollar. Letztlich fiel ein Quartalsverlust von 73 Millionen Dollar (64 Millionen Euro) an. Auch für das Gesamtjahr 2018 erwartet Ford in Europa nun ein Minus. Die Kosten würden „aggressiv attackiert“, verkündete der Konzern.

Für die rund 7000 Beschäftigten in Saarlouis kommt all dies überraschend. Sie hatten im Mai noch den Start der vierten Generation des Ford Focus gefeiert. Er soll das neue technisch stark aufgerüstete Zugpferd des US-Konzerns in Europa werden. Auch der Familienvan C-Max wird in Saarlouis gebaut. Finanzchef Robert Shanks nannte den C-Max ausdrücklich als Beispiel für ein Modell, das unterdurchschnittliche Ergebnisse liefert. „In Saarlouis sind die Mitarbeiter verunsichert“, sagte der Kölner Betriebsratschef Martin Hennig dem Bonner Generalanzeiger. Der Verlust eines Fahrzeugs würde die Auslastung reduzieren und einen Verlust an Stellen bedeuten. „Es gibt aber noch keine Hinweise darauf, dass der C-Max nicht mehr gebaut werden soll. Das Fahrzeug läuft gut in Deutschland,  und es bringt hier eine gute Marge“, sagte Hennig.

Ford-Chef Jim Hackett lobte dagegen die sportlichen Geländewagen (SUV) und leichten Nutzfahrzeuge, die aber bisher nicht in Deutschland gebaut werden. Hennig fragt sich deshalb besorgt, welche Zukunft Focus und Fiesta haben. Wenn Ford den Produkt-Mix Richtung SUV und Pick-ups verändern wolle, „erwarten wir, dass diese Fahrzeuge nicht nur hier verkauft, sondern auch hier gefertigt werden“, sagt Hennig dem Generalanzeiger. Der Betriebsratschef sieht allerdings durchaus auch ein Kostenproblem. Das anzugehen, sei die wichtigste Aufgabe des Topmanagements. Dabei könne es aber nicht nur um Personalkosten gehen, sagte Hennig. „Bei Ford gibt es zum Teil seit 20 Jahren Programme zur Kostensenkung, die offenbar nichts gebracht haben. Wir haben gute Mitarbeiter, die motiviert sind, wir haben gute Produkte und verkaufen die gut. Also stimmt etwas in den Strukturen nicht.“

Bei Ford in Köln hält man sich bedeckt, was konkrete Maßnahmen zur Senkung der Kosten und mögliche Pläne des Konzerns angeht, das Europageschäft zu verkaufen. Das Quartalsergebnis sei unter anderem gestiegenen Kosten wegen neuer Abgasvorschriften geschuldet. Zudem hätten ungünstige Wechselkurse insbesondere beim britischen Pfund das Ergebnis gedrückt, hieß es. In Deutschland habe Ford jedoch im ersten Halbjahr „seinen Wachstumskurs fortgesetzt“. Änderungen an der Produktpalette seien nicht geplant.

Betriebsratschef Hennig richtet indes sogar Forderungen an die Konzernspitze in Dearborn: Für den Standort Köln wünsche er sich die Fertigung eines zweiten Modells neben dem Fiesta, sagte Hennig der „Kölnischen Rundschau“

Laut Branchenkenner Dudenhöffer ist Ford im Massengeschäft unter den großen Herstellern in Europa abgeschlagen. Mit einer Gewinnspanne von lediglich 0,3 Prozent war die Europatochter des US-Autoriesen im ersten Halbjahr das Schlusslicht in der Profitabilitäts-Rangliste des Experten. Nach eigenen Angaben will Ford in Europa langfristig eine Profit-Marge von sechs Prozent erreichen. Im zweiten Quartal hat sich die Lage Dudenhöffers Studie zufolge aber weiter verschlechtert: Pro verkauftem Auto ergab sich ein operativer Verlust von 165 Euro.

Zum Vergleich: Im US-Heimatmarkt erzielte Ford der Analyse zufolge im ersten Halbjahr einen Gewinn von 1977 Euro pro Fahrzeug, weltweit waren es 759 Euro. Die Schwierigkeiten in Europa seien umso belastender, weil Ford bereits im weltgrößten Automarkt China einen Einbruch der Verkäufe zu verkraften habe und dort Investitionen für neue Modelle benötige. Für die europäische Zukunft verheiße das nichts Gutes. „Da wird noch einiges kommen“, befürchtet Autoexperte Dudenhöffer.