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Digitaler Wandel
Festo will Industrie 4.0 in Firmen bringen

Industrie 4.0 praxistauglich zu machen, ist das Ziel Klaus Herrmanns, der bei Festo Forschungsprojekte leitet.
Industrie 4.0 praxistauglich zu machen, ist das Ziel Klaus Herrmanns, der bei Festo Forschungsprojekte leitet. FOTO: Festo
St. Ingbert. Viele Betriebe sind unsicher, wie sie die nötige Digitalisierung angehen können. Festo entwickelt Systeme, die dabei helfen. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Alle Welt redet über Industrie 4.0. Doch schaut man gerade in mittelständische Betriebe, dann hat die neue Technik dort bisher kaum Einzug gehalten. Für Klaus Herrmann, Leiter für Forschungsprojekte bei Festo, liegt das auch daran, dass der Begriff für viele Unternehmen einfach zu schwammig ist und der konkrete Nutzen nicht zu erkennen ist. „Gerade mittelständische Unternehmen machen das ja nicht als Selbstzweck, wenn sie in Industrie 4.0 investieren“, sagt der stellvertretende Leiter des Festo-Lernzentrums in St. Ingbert. Doch intelligente Produktion ist eben selten auf nur eine Maschine begrenzt, sondern auf komplexe Systeme. Und Festo hat sich auf die Fahnen geschrieben, die neue Technik greifbarer zu machen.


Ein Beispiel ist „Adaption“, ein Projekt des Bundesforschungsministeriums, bei dem Festo engagiert ist, und das „die Einführung von Industrie 4.0 handhabbar machen soll“, wie Herrmann es beschreibt. Bei dem Projekt geht es darum, Industrie-4.0-Projekte über klar definierte Ziele und Einzelschritte aus dem unkonkreten Kosmos der Digitalisierung zu einem klar umrissenen Projekt zu machen. Will heißen: „Das Unternehmen muss ganz klar sein Geschäftsmodell im Rahmen des Industrie-4.0-Projekts definieren“, sagt Herrmann.

Warum will ich in eine bestimmte Technik investieren? Ist mein Unternehmen bereits reif dafür? Und kann mir die Technik wirklich helfen, mein Geschäftsmodell weiter voranzutreiben? „Diese Fragen sind bei Investitionen häufig nicht ausreichend beleuchtet“, sagt Herrmann. Ein Fehler, denn dann werde Digitalisierung zum Selbstzweck und erweise sich am Ende schnell als teure Fehlinvestition. „Adaption“ soll dem entgegenwirken.



Bei vielen Industrie-4.0-Projekten sei aber auch der hohe Preis ein Hindernis. Deshalb sei es aktuell wichtig, die im Elfenbeinturm der Forschung entwickelte Technik praxistauglich zu machen. „Viele Anwendungen, die aktuell getestet werden, sind noch viel zu teuer“, sagt Herrmann. „Was wir brauchen, sind wirtschaftlich adäquate Lösungen.“ Auch das Automatisierungstechnik-Unternehmen Festo arbeitet an diesem Thema. Bei dem Forschungsprojekt geht es unter anderem darum, Industrie-4.0-Komponenten zu vereinfachen. Also Wege zu finden, mit einfacher Technik die gleichen Ergebnisse zu erzielen. Beispielsweise arbeiten die Festo-Forscher an der Frage, wie umfassend Assistenz als Unterstützung sein und wie ausgedehnt Kontrollfunktionen sein müssen. „Wenn ein Sensor erkennt, dass der Werker einen Hammer in die Hand nimmt, ist davon ausgehen, dass er diesen auch anwendet“, sagt Herrmann. Fachkräfte sollten schließlich nur unterstützt und nicht bemuttert werden. Gleichzeitig kann Sensorik aber auch helfen, dass, wenn ein Werker Hilfe anfordert, die Assistenz exakt die Schritte anbietet, die für die Anwendung eines bestimmten Werkzeugs infrage kommen. „Um diesen Effekt zu erreichen, sind häufig gar keine umfangreichen Anlagen nötig“, sagt er.

Letztlich geht es laut Herrmann darum, die Unterstützung auf genau das Maß zu reduzieren, das es dem jeweiligen Anwender ermöglicht, seine Kompetenz zu nutzen und zu erweitern. Dieser Ansatz steht auch bei dem Projekt Appsist im Vordergrund, einem Assistenzsystem, das Festo im Rahmen eines Forschungsprojekt des Bundes federführend mitentwickelt hat.

Die Idee, die Appsist zugrunde liegt, ist die Entwicklung eines Industrie-4.0-Assistenzsystems, das Nutzern in kritischen Situationen unterstützt. Herrmann nennt als typisches Beispiel die Inbetriebnahme einer neuen Anlage: „Bei Inbetriebnahmen ist es eigentlich immer so, dass irgendetwas hakt.“ Auch wenn erfahrene Mitarbeiter dann häufig nur probieren können, seien es doch Probleme, für die andere schon Lösungen gefunden haben. Hier greife die Intelligenz des Systems, weil sie ermögliche, auf Erfahrungswissen anderer Anwender zurückzugreifen. Letztlich müsse man sich das vorstellen wie bei Anleitungen, die man im Internet für diverse Probleme finden kann, sagt Herrmann. Allerdings eben nicht mit Tausenden Vorschläge, sondern mit genau dem richtigen. Und auch nicht als Video, sondern als Schritt-für-Schritt-Handlungsanweisung. „Appsist ermöglicht es, fokussiert Assistenz zu liefern, wenn diese benötigt wird.“

Appsist sei vergleichbar mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung, die gleichzeitig kontrolliert, ob jeder Schritt richtig ausgeführt wird, die aber erst aktiv wird, wenn der Anwender ein Problem hat. „Und dann zeigt sie idealerweise auch noch, warum diese Schritte überhaupt nötig sind und wo die Produkte hinterher eingesetzt werden“, sagt Herrmann.