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Dillinger Hütte will an der Weltspitze bleiben

Hier beginnt „der Zauber“ an der ersten Station der Anlage. Es werden die Brammen für die Stahlproduktion gegossen. Foto: Rolf Ruppenthal
Hier beginnt „der Zauber“ an der ersten Station der Anlage. Es werden die Brammen für die Stahlproduktion gegossen. Foto: Rolf Ruppenthal FOTO: Rolf Ruppenthal
Mit der größten Einzelinvestition aller Zeiten am Standort will die Dillinger Hütte weltweit Maßstäbe setzen. Eine neue Stranggießanlage ermöglicht noch nie erreichte Stahl- Qualitäten. Die Landesregierung sieht darin einen Beitrag zur Sicherung der Arbeitsplätze. Thomas Sponticcia

Udo Linster (49) aus Merzig-Weiler hat gleichzeitig 26 große Bildschirme im Blick. Er steuert den Leitstand inmitten der neuen Stranggießanlage CC 6 der Dillinger Hütte . Der Leitstand ist das Herzstück der Anlage, die von ihren Größenordnungen her fast schon kleinstädtische Ausmaße annimmt. "Ich bin stolz, solch eine Anlage bedienen zu dürfen. Das wird uns einen Wettbewerbsvorsprung bringen", sagt Linster.


Fred Metzken, Vorstandssprecher der Dillinger Hütte , geht noch einen Schritt weiter. Er spricht von einem weltweiten Wettbewerbsvorsprung und sogar einem bereits eingestellten Weltrekord. "Schon im Herbst 2015 ist es uns gelungen, im Rahmen von Versuchen an der CC 6 die weltweit größte und erste 500 Millimeter dicke Bramme zu gießen - Weltrekord", sagte er gestern vor zahlreichen geladenen Gästen anlässlich der offiziellen Vorstellung der Anlage.

Brammen sind das Vormaterial, das im Walzwerk zu Blech gewalzt wird. Damit beliefern die Dillinger ihre eigenen Walzwerke in Dillingen und im französischen Dünkirchen. Die neue Anlage ermöglicht noch flexiblere Stahl-Qualitäten in noch größeren Mengen in einer kürzeren Produktionszeit. Damit wollen sich die Dillinger vor allem in ihrem Spezialgebiet, der Belieferung von Windparks, unentbehrlich machen. Metzken beschreibt es so: "Wir wollen und können mit der neuen Anlage eine weitere Qualitätssteigerung bei den Stahlgüten mit höchsten Oberflächenanforderungen sowie außergewöhnlichen Dimensionen erreichen." Stolz sei man auch, "weil die saarländische Stahlindustrie alleine 2016 ein Investitionspaket von 700 Millionen Euro ans Netz bringt. Nur wenige Stahlkonzerne in Deutschland warten mit solchen Investitionen auf beziehungsweise können es", betont Metzken. Er sieht in den Investitionen in den Stahlstandort Saarland gleichzeitig "ein klares Bekenntnis für die Arbeitsplätze dieses Unternehmens, ein klares Bekenntnis aber auch für unsere Fortentwicklung und Fortsetzung unserer Strategie, weiter die Nummer eins im Grobblech sein zu wollen."



Metzken, aber auch Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ) und Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD ) sprechen angesichts der riesigen Investition übereinstimmend vom richtigen, überzeugenden Signal, auch technologisch, in extrem schwierigen Zeiten für die deutsche Stahlindustrie. Das Land bekenne sich zum Stahlstandort, sagt die Ministerpräsidentin. So seien seit der Jahrtausendwende fünf Milliarden Euro in die saarländische Stahlindustrie investiert worden. Noch im laufenden Jahr kämen weitere 150 Millionen Euro für neue Technik im Hochofen 4 in Dillingen hinzu, der gleichzeitig die Dillinger Hütte und Saarstahl in Völklingen versorgt.

Metzken verweist gegenüber unserer Zeitung darauf, dass die Entscheidung für die neue Stranggießanlage CC 6 im Aufsichtsrat schon 2011 gefallen sei und weitere zwei Jahre einer kritischen Prüfung über Kosten und Marktchancen vorausgegangen seien. Ob eine solche Entscheidung heute im kritischen Marktumfeld nochmals fallen würde, ließen alle Redner offen, zeigten sich jedoch umso erfreuter, dass jetzt Fakten geschaffen sind. Metzken spricht von "Hightech vom Feinsten" und nennt beeindruckende technische Fakten. Die Anlage bestehe alleine aus 25 000 Sensoren, 500 Schaltschränken, über 120 Bedienpulten und 750 Kilometern Kabel, was der Strecke von Dillingen nach Berlin entspricht. Das Volumen für den Erdaushub von 283 000 Kubikmetern entspreche 113 olympischen Schwimmbecken. Trotz des schwierigen Marktumfeldes "öffnet uns die neue Stranggießanlage CC 6 die Tür für Märkte von übermorgen", sagt Metzken. Auch Patrik Lauer (SPD ), Landrat im Kreis Saarlouis, staunt. Schon zu Studentenzeiten hat er sich im Stahlwerk ein Zubrot verdient. "Ich habe damals viel Dreck gesehen und harte Schichten erlebt. Und bin dann bei den Juso-Sitzungen eingeschlafen." Heute treffe man auf saubere Hightech. "Jetzt müssen noch die Stahlpreise steigen", denkt nicht nur Lauer.