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Kampf bei Traditionsgießerei
Die Zeichen bei Halberg Guss stehen auf Streik

Kommt es zum Streik? Die IG Metall organisierte am Mittwoch eine Urabstimmung bei der Neuen Halberg Guss. Zuvor hatte die Gewerkschaft die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag für gescheitert erklärt.
Kommt es zum Streik? Die IG Metall organisierte am Mittwoch eine Urabstimmung bei der Neuen Halberg Guss. Zuvor hatte die Gewerkschaft die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag für gescheitert erklärt. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Gestern verhandelte die IG Metall mit den Chefs des Autozulieferers. Danach erklärte die Gewerkschaft die Gespräche für gescheitert. Von Tobias Fuchs

Bei der Neuen Halberg Guss (NHG) drohen unbefristete Streiks. Die Gewerkschaft IG Metall hat die Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag für gescheitert erklärt. Gestern Morgen hatten sich Arbeitnehmervertreter mit der Geschäftsführung des Autozulieferers in Saarbrücken getroffen. Zwar legte das NHG-Management ein Angebot vor. „Das ist aber leider in den für uns existenziell wichtigen Punkten meilenweit von unserer Forderung entfernt“, sagte Patrick Selzer, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall in Saarbrücken. Hinzu kam, dass sich die „gesamte Tragweite und Ausprägung des Forderungskatalogs“ nach Ansicht von NHG-Geschäftsführer Alexander Gerstung erst im Gespräch offenbarte. „Es hat einige Punkte gegeben, die waren uns vorher so nicht klar“, sagte Gerstung. Weshalb der Manager die eigene Offerte auch als „unvollständiges Angebot“ einstufte. Am kommenden Mittwoch soll die nächste Verhandlungsrunde stattfinden. Doch der Termin ist fraglich. Eine härtere Konfrontation zeichnet sich ab.


Um den Druck zu erhöhen, rief die IG Metall gestern Nachmittag im Werk in Saarbrücken-Brebach zur Urabstimmung auf. Hier beschäftigt die NHG derzeit 1500 Mitarbeiter, am zweiten deutschen Standort in Leipzig weitere 600. Auch dort bat die Gewerkschaft zur Wahlurne. Nach den Warnstreiks der vergangenen Tage könnte es nun zu längeren Arbeitsniederlegungen kommen. „Wir können hier nicht alles auf die lange Bank schieben, denn der Zeitdruck ist relativ groß“, erklärte Selzer. Es müsse eine schnelle Lösung her – zur Planungssicherheit von Kunden und Beschäftigten. Die NHG ließ das Vorgehen der IG Metall gestern unkommentiert.

In der vergangenen Woche hatte das Management angekündigt, den Standort Leipzig bis Ende nächsten Jahres zu schließen. Darüber hinaus sollen 20 Prozent der Arbeitsplätze in Saarbrücken auf dem Spiel stehen. Deshalb fordert die IG Metall von dem Unternehmen den Abschluss eines Sozialtarifvertrags.

Dessen Eckpunkte: Wer seinen Job verliert, soll über eine Transfergesellschaft zwölf Monate mindestens 90 Prozent seines Bruttolohns erhalten. Außerdem verlangt die Arbeitnehmerseite die Zahlung von Abfindungen. Um den Tarifvertrag finanziell abzusichern, soll die NHG einen Fonds einrichten – treuhänderisch verwaltet und vor einer Insolvenz geschützt. Der Knackpunkt: Die IG Metall erwartet, dass in den Topf genug Geld für alle 2100 Mitarbeiter fließt – nicht nur für die Zahl der Arbeitsplätze, die akut gefährdet sind. NHG-Chef Gerstung zufolge war dem Unternehmen dieser Umfang bisher nicht klar. „Das ist eine Dimension, die man erst einmal neu bewerten muss“, sagte er.

Gerstung steht schon länger im Dienst der bosnischen Prevent-Gruppe, die im Januar überraschend die NHG übernahm. Der neue Eigentümer liegt im Clinch mit Autobauer Volkswagen, gilt als „VW-Schreck“ – dem größten Kunden der Saarbrücker. Umso kritischer wird Prevent im Umfeld des Motorblock-Herstellers betrachtet. Zumal wiederholt Lieferungen an VW ausfielen. Geraten die Beschäftigten zum Spielball im größeren Konflikt? Lässt der Automobil-Riese die NHG wegen Prevent fallen? „Der Hauptkunde hat sich schon in den letzten Jahren aus der Halberg zurückgezogen“, sagte Gerstung. Deshalb sei den Verantwortlichen der NHG klar gewesen, dass die Schließung des Standorts Leipzig spätestens 2020 hätte erfolgen müssen – „auch ohne unser Zutun“.



Noch während Gerstung mit den Gewerkschaftern um Selzer verhandelte, solidarisierten sich im saarländischen Landtag alle Fraktionen mit den Beschäftigten der NHG. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD), die zwischen der Firma und VW vermittelte, setzt weiterhin auf diese Geschäftsbeziehung.