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Lothringens umtriebige Metropole
Wie die Stadt Metz sich gerade neu erfindet

So soll das Start-up-Zentrum mit dem neuen Namen „Bliiida“  künftig aussehen.
So soll das Start-up-Zentrum mit dem neuen Namen „Bliiida“  künftig aussehen. FOTO: CNB Architectes und GHA Architectes
Metz. In Metz wird ein alter Bus-Betriebshof zum Tummelplatz der Internet- und Kreativ-Wirtschaft umgebaut. Zahlreiche Firmen zieht es dorthin. Von Silvia Buss

Ein alter Bus auf dem Dach erinnert noch an die frühere Nutzung des Geländes auf der Metzer Moselinsel Ile de Chambière. Viele Jahre war hier an der Avenue de Blida der Betriebshof der städtischen Busgesellschaft TCRM. Als die Stadt sich für die neuen, überlangen Mettis-Busse 2013 einen größeren baute, ließ sie in die alten Hallen und Werkstätten Start-ups der Kreativ- und Digitalwirtschaft, Künstler und Vereine einziehen.


Das von einem Verein gemanagte Zentrum TCRM-Blida, benannt nach der städtischen Busgesellschaft und dem Namen der Straße und ein Novum für Metz, hat sich seitdem erfolgreicher entwickelt als erwartet. Die Zahl der Start-ups, die sich hier einmieteten, kletterte allein von 2016 bis heute von 57 auf 73, der Jahresumsatz, den sie zusammen erwirtschaften, von einer auf fünf Millionen Euro.

Auffällig ist die für ein Starterzentrum die außergewöhnlich bunte Mischung der hier Tätigen. In den Hallen arbeiten Schreiner, Objektdesigner, Grafiker, eine Druckerei, Übersetzer, ein Büro für Sprachverarbeitung, Maskenbilder für Spezialeffekte, Videoproduktionsfirmen, Games-Entwickler oder ein Unternehmen, das digitale Weiterbildung für Entscheider anbietet. Zu finden sind aber auch Start-ups und gemeinnützige Organisationen, die nach neuen Lösungen für Recycling suchen, einen Gemüsegarten oder einen Coworking-Space (mehrere Unternehmer teilen sich Büroräume) betreiben. In jüngster Zeit haben sich auch etablierte Unternehmen wie die Wochenzeitung La Semaine und die Bankengruppe BPCE mit 89C3, eine digitale Business Plattform, hier angesiedelt.



Die Vielfalt ist Absicht. „Wir erhalten jeden Monat Bewerbungen von vier bis fünf Projekten, die aufgenommen werden“, sagt die Projektbeauftragte des Vereins TCRM Camille Pereira. Zu den Kriterien der Kommission, die über Neuaufnahmen entscheide, gehöre, dass eine identische Einrichtung noch nicht vorhanden ist und dass die Neuen die Zusammenarbeit mit anderen suchen. Denn so sollen Synergieeffekte entstehen. Dass das funktioniert, bestätigt Cyril Chagot vom Start-Up „Mamytwink“, das auf die Entwicklung und Edition von Internetseiten und die Produktion von audiovisuellen Inhalten rund um Video-Spiele spezialisiert ist. „Wir sind in einer Branche, die auf viele andere Metiers zurückgreifen muss, das reicht von IT bis zum Schreiner, die wir hier alle vor Ort finden“, sagt Chagot. „Und wenn wir uns mit anderen hier zusammensetzen, kommen manchmal ganz neue Projekte dabei heraus“. Bei 40 Prozent Wachstum möchte sich Mamytwink nicht nur personell, auch räumlich vergrößern. Bisher sah es damit schlecht aus. Man habe schon viele Gründer aus Platzmangel abweisen müssen, sagt William Schuman, Präsident des Vereins TCRM-Blida und Vater des Projekts. Doch das wird sich ändern. Die Stadt und der Gemeindeverband Metz nehmen zusammen mit drei Banken als Partner 11,5 Millionen Euro in die Hand, um das 30 000 Quadratmeter große Areal mit den bisher nur zum Teil genutzten Gebäuden auszubauen. Ein überregional strahlender Leuchtturm der Kreativ- und Digitalwirtschaft soll das TRCM-Blida werden. Dafür will man die Gebäude nicht nur ökologisch und energetisch modernisieren sowie weitere 8500 Quadratmeter erschließen, sondern die Anlage auch architektonisch aufwerten.

Die Architekturbüros CNB (Straßburg) und GHA (Metz), die den Realisierungswettbewerb gewonnen hatten, stellten dieser Tage die Pläne vor. So soll das Gelände in drei Quartiere neu strukturiert werden: eines für digitale Innovationen, eines für Kreativ-Industrie und eines für Medien und audiovisuelle Produktion. Durch die Erweiterung werden in ihnen künftig auch neue IT-Start-ups, eine „Digitale Schule“ für die Ausbildung von Nachwuchskräften, sowie ein Laboratorium der Universitäten für gründungswillige Studierende, und regionale TV-Sender als neue Mieter einziehen. Insgesamt 150 Start-ups, Künstler und andere Einrichtungen mit 400 Beschäftigten sollen hier künftig Platz finden.

Darüber hinaus soll das Zentrum für die Öffentlichkeit zugänglich werden. Dafür schafft man nicht nur neue Plätze oder Wege und  gestaltet das Moselufer zur Flaniermeile um. In der zentralen Halle entsteht auch ein großes Ökorestaurant mit direktem Anschluss an ein öffentliches Fab-Lab, in dem neue Technologien wie 3D-Drucker, Laser-Fräsen und Digital-Stickmaschinen für Jedermann zur Verfügung stehen. Baubeginn für das ehrgeizige Projekt ist im Sommer 2019.

Im Winter 2020, wenn der Umbau abgeschlossen sein wird, wird der alte Bus zwar bleiben, doch Konkurrenz durch drei Containertürme als Landmarken und neues Emblem des Zentrums bekommen. Sie stehen für drei „I“ - „Inspiration, Innovation und kollektive Intelligenz“, die sich auch im neuen Namen „Bliiida“ spiegeln.