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Die Bauern schlagen Alarm

Die Frühkartoffel-Ernte war nicht berauschend. Demnächst werden die Spätkartoffeln geerntet. Foto: Schulze/dpa
Die Frühkartoffel-Ernte war nicht berauschend. Demnächst werden die Spätkartoffeln geerntet. Foto: Schulze/dpa FOTO: Schulze/dpa
Saarbrücken. Den saarländischen Landwirten geht es schlecht. Dem Bauernverband zufolge wird 2016 die schlechteste Ernte seit 30 Jahren eingefahren. Zu schaffen machen auch die niedrigen Preise für Milch oder Getreide. Thomas Sponticcia

Die schlechte Witterung mit zu wenig Sonne hat den Saar-Landwirten in diesem Jahr ihre Ernte vermasselt. Hans Lauer, Hauptgeschäftsführer des saarländischen Bauernverbandes, betont: "Von der Menge und vom Preis her gesehen haben wir im Saarland 2016 die schlechteste Ernte seit 30 Jahren." Bei der Wintergerste müssten die Landwirte einen Rückgang um 25 bis 30 Prozent verkraften, beim Raps um 30 Prozent und bei Roggen beziehungsweise Weizen um 20 bis 30 Prozent.


"Auch die Preise werden 2016 um rund 20 Prozent geringer ausfallen als noch vor einem Jahr", sagt Lauer. Denn trotz geringerer Mengen in der Region befinde man sich inmitten eines weltweit globalisierten Marktes. Deshalb werde die geringere Ernte an der Saar durch hohe Bestände aus anderen internationalen Regionen wie etwa der Ukraine und Russland ausgeglichen. Wegen dieses Mechanismus rechnet Lauer auch nicht mit steigenden Brotpreisen. Die Ernte der Frühkartoffeln habe einen Minderertrag zwischen 30 und 40 Prozent gebracht. Die Spätkartoffeln werden erst bis Ende September abgeerntet sein. Nach Aussage von Lauer spitzt sich wegen der geringeren Ernte sowie derzeit schlechten Milch-, Fleisch und Getreidepreisen die Lage für immer mehr Saar-Landwirte dramatisch zu. "Viele unserer Landwirte müssen inzwischen zur Bank gehen, damit sie noch Geld bekommen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten." An Investitionen in Höfe sei vielerorts nicht mehr zu denken. "Die Saar-Landwirte haben den Gürtel schon so eng geschnallt, dass es nicht mehr enger geht", betont der Hauptgeschäftsführer des Saar-Bauernverbandes.

Aufhören könne ein Bauer aber auch nicht ohne Weiteres, sondern nur im Verlauf einer Wegstrecke von mehreren Jahren. Denn in einem Hof steckten im Schnitt Investitionen in einer Größenordnung von um die 600 000 Euro. Darin enthalten seien die Kosten für Stallungen, Maschinen und Vieh.

Nach Angaben von Lauer existieren im Saarland derzeit noch 1100 landwirtschaftliche Betriebe, davon 400 im Haupterwerb. Von diesen 400 bestreiten rund 175 ihre Einnahmen mit Milchproduktion. Davon wiederum zeichne sich für rund 20 Betriebe keine Nachfolge ab. Lauer geht davon aus, dass im Saarland künftig jährlich rund neun Betriebe für immer aufgeben werden. In den kommenden Jahren sei deshalb auch mit Regionen ohne Landwirtschaft zu rechnen.

Besonders kritisch werde es hier im Hochwald, in den Räumen St. Wendel und Neunkirchen sowie großen Teilen des Saarpfalz-Kreises. Langfristig erfolgreiche Betriebe, auch wegen der guten Böden für die Ernte, seien vor allem im Moselgau rund um Perl zu erwarten, im Saargau, der die Gegend von Saarlouis bis zur französischen Grenze umfasst, sowie im Bliesgau.



Die Saar-Landwirte hätten inzwischen alle Möglichkeiten ausgereizt, mit neuen Angeboten noch zusätzliche Ertragschancen zu erreichen. Lauer nennt hier als Beispiele die Direktvermarktung ab dem Hof oder auch Urlaub auf dem Bauernhof. Das inzwischen unberechenbare Klima führe jedoch nicht nur zu Nachteilen. Umgekehrt rechnet Lauer damit, dass im Verlauf der kommenden fünf Jahre auch mal wieder eine Rekordernte wahrscheinlich sein wird.

Franziska Nicke von der Landwirtschaftskammer Saar verweist ebenfalls auf "spürbare Ernteeinbußen". Die Kartoffelernte habe, soweit eingefahren, in diesem Jahr auch unter der Krankheit der Knollenfäule gelitten. Selbst die Weinlese werde 2016 nicht ohne Probleme verlaufen, prognostiziert Nicke. Denn viele Rebstöcke seien in Folge der Witterung vom Pilzbefall betroffen.

Meinung:

Gefahr für regionale Produkte

Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Die Vorstellung lässt sich nur schwer ertragen, dass künftig voraussichtlich immer weniger Lebensmittel aus der Region kommen werden. Es sind die saarländischen Landwirtschafts-Vetriebe, die aufgrund kurzer Wege in der Region für besondere Frische der Produkte garantieren können. Doch wenn die Ernte alle Investitionen mit schlechten Ergebnissen am Ende zunichte macht und die Landwirte zugleich für ihre Produkte immer niedrigere Preise bekommen, dann kann das am Ende niemanden freuen, auch nicht die Verbraucher.

Frische Lebensmittel aus der Region sind ein hoher Wert und bringen auch ein Stück weit mehr Lebensqualität. Hier trägt allerdings auch der Verbraucher eine hohe Verantwortung. Er wählt aus, wo er kauft und was er kauft.

Und er kann auch beim Lebensmittelhändler seines Vertrauens nach heimischen Produkten fragen. Werden sie nicht angeboten, kann man sie einfordern oder anderswo einkaufen. Fragen viele Verbraucher danach, werden auch Discounter und andere überlegen, ob sie solche Wünsche erfüllen können. Allerdings muss es dann auch die Bereitschaft geben, für das eine oder andere Lebensmittel aus der Region mehr zu bezahlen. Dies kann man jedoch mit gutem Gewissen tun, denn man rettet so die Existenz manch heimischer Betriebe.