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Übernahmefieber auf Fernost
Deutsche Firmen stehen im China-Fokus

Mit Kuka hat China sich modernste Industrietechnik gekauft.
Mit Kuka hat China sich modernste Industrietechnik gekauft. FOTO: Julian Stratenschulte / dpa
Stuttgart. Studie: Chinesische Unternehmen investieren Rekordsummen in Deutschland. Mittlerweile gibt es Gegenwind.

Erst Hochtechnologie und nun Klamottenläden: Chinesische Investoren weiten in diesem Jahr nach Einschätzung der Beratungsfirma Ernst & Young (EY) ihren Fokus für Firmenkäufe in Deutschland weiter aus. Interesse der Firmenkäufer wecken nun auch neue Bereiche wie Infrastruktur, Einzelhandel, Lebensmittel und Pharma. Ein Beispiel dafür sind auch die Berichte über eine mögliche Übernahme der Modehauskette C&A.



Chinesische Investoren, das zeigt eine aktuelle EY-Studie, haben 2017 eine Rekordsumme für Firmenübernahmen und -beteiligungen in Deutschland ausgegeben. Die absolute Zahl der Übernahmen ist zwar im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken, doch gaben die Chinesen dafür mehr Geld aus als 2016. Demnach investierten chinesische Unternehmen 2017 knapp 13,7 Milliarden Dollar (knapp 11,2 Mrd Euro) in 54 Firmenkäufe oder Beteiligungen. 2016 waren es noch 68 Deals für eine gute Milliarde Dollar weniger gewesen.

C&A ist ein Unternehmen, das nicht in die bislang bekannte Strategie chinesischer Investoren passt. Viel besser passen dazu die Übernahmen des Roboterherstellers Kuka, des Spezialmaschinenbauers Krauss-Maffei, sowie der letztlich gescheiterte Kauf des Chipherstellers Aixtron.

Bei all diesen Firmen handelt es sich um Technologieführer, wie Thomas Heck von der Beratungsgesellschaft PWC sagt. „Die Chinesen erhoffen sich von ihren Übernahmen in der Regel einen Zugang zu neuen Märkten, Kontakte zu neuen Kunden und natürlich auch Zugang zu modernen Technologien.“

Bei den Übernahmen in Europa war Deutschland im vergangenen Jahr zahlenmäßig Hauptzielland der Chinesen – noch vor Großbritannien. Knapp die Hälfte der Gesamtsumme floss in eine einzige Übernahme: Eine Tochtergesellschaft des Hongkonger Immobilien- und Mischkonzerns CK Hutchison zahlte 6,7 Milliarden Dollar für das Essener Unternehmen Ista, das sich auf Energieeffizienz und Digitalisierung von Gebäuden spezialisiert hat.



An zweiter Stelle folgte die Beteiligung der Hainan Airlines Gruppe (HNA) an der Deutschen Bank für über drei Milliarden Euro. In der Rangfolge von Investoren aus Übersee liegen die Chinesen auf Platz zwei aber weiter deutlich hinter Unternehmen aus den USA, die 155 deutsche Firmen kauften oder sich an ihnen beteiligten.

Europaweit ging sowohl die Zahl der Übernahmen als auch die investierte Gesamtsumme deutlich zurück: Die Unternehmensberater zählten 247 Übernahmen, ein Fünftel weniger als 2016. Dafür gaben die Chinesen 57,6 Milliarden Euro aus, ein Drittel weniger als im Vorjahr.

Chinesische Übernahmen in Europa stoßen auf wachsenden politischen Widerstand. Dabei spielt der befürchtete Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie ebenso eine Rolle wie das schlechter werdende Geschäftsklima für europäische Unternehmen in China, insbesondere wegen zunehmender bürokratischer Hürden und der Einflussnahme der herrschenden Kommunistischen Partei. Daher fordern Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) und andere europäische Politiker gleichwertige Wettbewerbsbedingungen für beide Seiten.

Für das kommende Jahr erwarten die Experten, dass die chinesische Kauflaune wieder anzieht. „Die politische Lage in China ist geklärt, deshalb werden auch die Investoren wieder mutiger“, sagt PWC-Berater Heck mit Blick auf den Parteitag in Peking vergangenen Oktober. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den nächsten Monaten einige größere Übernahmen sehen werden.“ Auch EY-Berater Alexander Kron glaubt, dass es wieder mehr Deals „im hohen dreistelligen Millionenbereich“ geben wird.

(dpa)