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Ausbildung
Der lange Weg in den Erzieherberuf

Wer sich im Erzieherberuf ausbilden lässt, braucht viel Geduld, bis der erste richtige Lohn aufs Konto fließt.
Wer sich im Erzieherberuf ausbilden lässt, braucht viel Geduld, bis der erste richtige Lohn aufs Konto fließt. FOTO: picture-alliance/ dpa / Waltraud Grubitzsch
Saarbrücken. Es dauert, bis man Fachkraft in einer Kita ist. Zudem gibt es über lange Zeit keine Vergütung. Es tut sich aber etwas bei der Bezahlung. Von Tobias Fuchs

Es sind Zahlen, die überraschen. Sie zeigen, wie rasant sich der Ausbildungsmarkt im Saarland wandelt. Wer einen Beruf erlernt, tut das überwiegend in einem Betrieb, im dualen System. Doch die klassische Säule der Qualifizierung bröckelt, eine andere wird tragend: die schulische Ausbildung. In den Gesundheits- und Sozialberufen gilt sie als Standard. Also für Altenpfleger, Erzieher, Logopäden und Physiotherapeuten.


Im vergangenen Jahr drängte gut ein Drittel der neuen Azubis an die Fachschulen im Land, 2007 war es noch ein Zehntel. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes und der Arbeitskammer des Saarlandes. Ausbildungsexperte Roman Lutz von der Arbeitskammer führt die Entwicklung hauptsächlich auf einen „sehr starken Anstieg bei den Erzieherberufen“ zurück. Den gibt es dank des bundesweiten Kita-Ausbaus. Und trotz eines finanziellen Handicaps. Denn in der schulischen Ausbildung ist eine Bezahlung nicht die Regel. Zwar erhalten Azubis in der Kranken- und Altenpflege eine Vergütung. Wer aber Erzieher in einer Kita werden will, geht meist leer aus.

In ihrem jüngsten Bericht an die Landesregierung bezeichnet die AK die frühkindliche Bildung als „Jobmotor sozialpä­dagogischer Berufe“. Sie belegt das mit Zahlen: Innerhalb von zehn Jahren gab es in Krippen, Kitas und Horten einen Stellenzuwachs um 64,7 Prozent – auf 7713 Mitarbeiter, die sich 2017 um rund 34 939 Kinder (2013: 31 961) kümmerten. An den Fachschulen für Erzieher registrierte die Kammer zwischen 2007 und 2014 ein Plus von 157 Prozent, von 228 auf 585 Auszubildende im ersten Jahr. Zuletzt war diese Zahl jedoch rückläufig (2016: 464).



Reicht das, um den Bedarf zu decken? Die Katholische KiTa gGmbH, größter Träger in der Region, klagte im vorigen Jahr über viele offene Stellen. Jüngst erklärte Sprecherin Petra Oberhauser, es interessierten sich weniger für den Erzieher-Beruf. Sie sprach auch die Finanzierung während der Qualifizierung an: Die meisten Auszubildenden lägen Mama und Papa auf der Tasche.

Wer sich ohne pädagogische Vorkenntnisse zum Erzieher ausbilden lassen will, muss ein zwölfmonatiges Vorpraktikum absolvieren. Dafür gibt es ein wenig Taschengeld. Die Stadt Saarbrücken zahlt zum Beispiel 150 Euro. Darauf folgen zwei Jahre an einer Fachschule. Zu verdienen gibt es erst etwas zum Abschluss der Lehrzeit, während eines Berufspraktikums. Aktuell sieht der Tarifvertrag dafür monatlich 1502 Euro vor. Ein langer Weg zum ersten eigenen Geld.

Die Bundesregierung verspricht Abhilfe: Im Koalitionsvertrag kündigten CDU und SPD an, die Aus- und Weiterbildung in Sozial- und Pflegeberufen attraktiver zu machen. Deshalb werde man finanzielle Ausbildungshürden abbauen und Vergütungen anstreben. Auch im Saarland steht das Problem auf der politischen Agenda. Hier will die Koalition neue Ausbildungsmodelle prüfen. Im Fokus steht eine berufsbegleitendes Qualifizierung, die bisher nur das SBBZ Saarbrücken anbietet. Sie könnte insbesondere für Kita-Mitarbeiter attraktiv sein, die als ausgebildete Kinderpfleger arbeiten und sich zum Erzieher weiterbilden wollen. Die Stadt Saarbrücken teilt allerdings auf Anfrage mit, dass aktuell kein Beschäftigter das Angebot nutzt. Dennoch: Es tut sich was bei der Bezahlung angehender Erzieher.

„Wir begrüßen diese Schritte“, sagt Thomas Müller, Landeschef der Gewerkschaft Verdi. Grundsätzlich sagt er: „Es muss anerkannt werden, dass der Dienst am Menschen so viel wert ist wie der Dienst an der Sache.“ Den Grundstein sieht Müller gelegt: In Gesellschaft und Politik werde Erzieher heute als qualitativ hochwertiger Beruf angesehen. Bei der Arbeitskammer betrachtet man eine Vergütung während der Ausbildung auch als Akt der Gleichstellung. „Den gesamten Sozialberufen fehlt finanziell die Wertschätzung“, sagt Experte Lutz.