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Fliesenleger an der Saar
Neue Hoffnung für den Meisterbrief

(Symbolbild)
(Symbolbild) FOTO: dpa-tmn / Britta Pedersen
Saarbrücken/Sankt Wendel. Vor 14 Jahren hat die Regierung den Meisterzwang in vielen Gewerben aufgegeben. Jetzt könnte er wieder zurück kommen. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Schlampige Arbeit, Ausgliederung von Arbeitskräften, Rückgang bei der Ausbildung. Das Zeugnis, das Artur Recktenwald, Fliesenlegermeister als St. Wendel und Leiter der Fachgruppe im AGV Bau Saar, seiner Branche ausstellt, ist miserabel. Und den Grund dafür liefert er gleich mit: die Aufhebung des Meisterzwangs 2004. Damals hat die Bundesregierung 53 Berufe aus der Pflicht entlassen, einen Meisterbrief als Qualifikation zu erwerben. Dazu gehören neben den Fliesenlegern auch viele Traditionshandwerke wie Böttcher, Schuhmacher, Kürschner oder Uhrmacher. Die Idee dahinter war damals, mehr Existenzgründungen, mehr Beschäftigungen und durch zusätzliche Konkurrenz auch günstigere Preise zu ermöglichen. Außerdem sollte es für Bürger anderer EU-Staaten im Rahmen des EU-Rechts auch leichter möglich sein, in Deutschland in den jeweiligen Branchen tätig zu sein.


Recktenwald allerdings sieht vor allem negative Folgen. Zwar seien die Existenzgründungen deutlich gestiegen – während es ihm zufolge 2004 bundesweit 12 401 Fliesenlegerbetriebe gab, waren es 2015 demnach 71 142. Viele dieser Unternehmen seien aber Ein- oder Zwei-Mann-Unternehmen, die nicht lange am Markt seien, sagt Claus Weyers, Geschäftsführer des AGV Bau Saar. „Wir sehen bei diesen Unternehmen eine extreme Fluktuation“ , sagt er. Im Saarland gibt es demnach aktuell 661 Fliesenlegerbetriebe, von denen 94 einen Meister hätten. Ein Fünftel der Betriebe verschwinde in jedem Jahr, während in etwa eine gleiche Zahl an Betrieben neu entstehe. Und viele der Unternehmen seien auch entstanden, weil sich größere Fliesenleger-Betriebe verkleinert hätten und ehemalige Mitarbeiter nur noch als Subunternehmer beschäftigten – zu schlechteren Konditionen und ohne Sozialbeiträge zu bezahlen. Noch kritischer aber sieht Weyers die Betriebe, die ohne jede fachliche Qualifikation gegründet werden. „Letztlich kann ja heute jeder einen Fliesenlegerbetrieb aufmachen. Er muss nicht mal wissen, wie man Fliese schreibt“, sagt er und verweist auf ein Unternehmen, das in seiner Werbung „Vliesenleger“ geschrieben hat.

Claus Weyers, Geschäftsführer im Arbeitgeberverband 
AGV Bau
Claus Weyers, Geschäftsführer im Arbeitgeberverband AGV Bau FOTO: jwo


Recktenwald sieht durch den Wegfall des Meisterzwangs auch erhebliche Schäden für die Kunden und für die Branche. „Wir müssen immer wieder auf Baustellen Schäden ausbessern, die durch unsachgemäße Arbeit entstanden sind“, sagt er. Mal sei dies durch Nachbessern zu lösen, häufig sei aber auch ein kompletter Rückbau nötig. „Die Kosten dafür sind dann immens, gleichzeitig schadet es aber auch dem Ansehen der Branche.“ Und die Verursacher seien häufig nicht mehr zu greifen, weil sie entweder nicht mehr existierten oder sich durch eine Insolvenz vor Schadenersatzzahlungen schützten. Nicht nur seien die Preise insgesamt nicht gesunken – durch das höhere Risiko der Minderleistung seien die Kosten für die Kunden sogar häufig gestiegen.

Der Grund für die Missstände ist für Recktenwald offensichtlich. Gerade einmal drei Prozent der Fliesenleger-Betriebe hätten heute noch eine einschlägige Qualifikation. Viele beschäftigten nicht einmal jemanden mit einem Gesellenbrief. Und es kämen auch nur wenige hinzu, weil die Zahl der Auszubildenden deutlich zurückgeht. Während es 2002 bundesweit demnach noch 4482 Fliesenleger in Ausbildung gab, hat sich ihre Zahl bis 2014 auf 2239 halbiert. Die Zahl der abgelegten Meisterprüfungen sanken von 618 im Jahr 2000 auf 114 im Jahr 2015.

Artur Recktenwald, Leiter der Fachgruppe Fliesenleger beim AGV Bau
Artur Recktenwald, Leiter der Fachgruppe Fliesenleger beim AGV Bau FOTO: jwo

AGV-Bau-Geschäftsführer Weyers sieht durch diese Entwicklung eine Säule des deutschen Wirtschaftsmodells gefährdet: die duale Ausbildung. „Durch die Aufhebung des Meisterzwangs bilden wir in den betroffenen Berufen immer weniger aus“, sagt er. Gerade die duale Ausbildung sei aber das Aushängeschild, für das die deutsche Wirtschaft weltweit gelobt werde. Tatsächlich werde sie sogar in viele Länder als Erfolgsmodell exportiert. Und auch Recktenwald ist überzeugt: „Durch die Freigabe der Berufe geht jahrhundertealtes Wissen in unserem Handwerk verloren.“

Beide fordern deshalb dringend eine Rückkehr zur Meisterpflicht. Und die Chancen stehen gar nicht so schlecht, denn die Signale sind auch in der Politik angekommen. Vor wenigen Wochen erst hat der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung, Carsten Linnnemann gemeinsam mit dem SPD-Politiker Sören Bartol eine Rückkehr zur Meisterpflicht in einigen Gewerken gefordert. „Wir sehen heute objektiv, dass es ein Fehler war, in so vielen Berufen den Meisterbrief abzuschaffen“, sagte Linnemann.

Leicht würde eine Rückkehr zum Meisterbrief allerdings nicht sein, denn das EU-Recht fordert einen freien Binnenmarkt und betrachtet es beispielsweise als Hemmnis, wenn ein Franzose einen Meisterbetrieb im Saarland nur deshalb nicht gründen darf, weil ihm der Meisterbrief fehlt.