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Drogeriemärkte
Für das Haarspray über die Grenze

Der dm-Markt auf der Folsterhöhe in Saarbrücken ist für viele Franzosen, wie diese zwei Kundinnen aus Freyming, ein attraktives Einkaufsziel. Drogeriemärkte wie in Deutschland gibt es in Frankreich kaum.
Der dm-Markt auf der Folsterhöhe in Saarbrücken ist für viele Franzosen, wie diese zwei Kundinnen aus Freyming, ein attraktives Einkaufsziel. Drogeriemärkte wie in Deutschland gibt es in Frankreich kaum. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Deutsche Drogerien haben es unseren französischen Nachbarn angetan. Das liegt an den niedrigen Preisen, aber auch am Konzept. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Es ist genau die gleiche goldgelbe Haarspray-Flasche, 300 Milliliter von der Sorte „extra stark“ und einer bekannten französischen Marke. In einem Drogeriemarkt in der Saarbrücker Innenstadt können Kunden sie für 2,45 Euro kaufen. Auch in einem Forbacher Supermarkt ist sie erhältlich – allerdings für 6,75 Euro. Und das ist kein Einzelfall. Bei Schminkprodukten können Franzosen in Deutschland ebenso Schnäppchen machen. Den gleichen 10-ml-Mascara gibt es im Drogeriemarkt für 6,45 Euro statt stolzer 9,90 Euro im Forbacher Supermarkt.


Drogeriemärkte sind eine Hauptanlaufstelle für Franzosen, die ins Saarland zum Einkaufen kommen. Knapp hinter Globus (16 Prozent) ist der Drogeriemarkt dm (15 Prozent) die zweitliebste Einkaufsstätte der Lothringer, die ins Saarland kommen. Das zeigt eine Studie des Instituts für Konsum- und Verhaltensforschung in Saarbrücken.

Ausschlaggebend ist vor allem der Preis. Das statistische Bundesamt hat das Preisniveau im Jahr 2016 zwischen den 28 EU-Ländern verglichen. Demnach liegt Deutschland rund 3,3 Prozent leicht oberhalb des EU-Durchschnitts. Mit 7,9 Prozent ragt Frankreich seinerseits schon deutlich darüber hinaus. „In Frankreich ist die Inflation höher und natürlich auch die Transport- und Lohnkosten“, sagt Karolina Wojtal, Juristin beim Europäischen Verbraucherzentrum in Kehl. Außerdem würden in Deutschland im Drogeriebereich viele Mini-Jobber eingesetzt, diese Möglichkeit hätten französische Geschäfte nicht. Die Mehrwertsteuer dagegen ist kaum von Belang: Sie liegt in Frankreich mit 20 Prozent nur einen Prozentpunkt über dem deutschen Satz.



Der Preisunterschied ist auch auf das unterschiedliche Kaufverhalten beiderseits der Grenze zurückzuführen. „Die Märkte haben betriebswirtschaftliche Überlegungen. Sie wissen, dass die ‚Schmerzgrenze’ einer französischen Kundin durchschnittlich höher liegt als bei einer Deutschen, wenn es um den Kauf von Schminkartikeln geht“, gibt Wojtal ein Beispiel.

Hier im Grenzraum haben die Verbraucher den Vergleich natürlich direkt vor Augen und so bestätigen auch die Drogerien den Andrang französischer Kunden. „In unseren dm-Märkten nahe der Grenze können wir tatsächlich sehr viele französische Kunden begrüßen“, sagt dm-Gebietsverantwortlicher Christian Schick. Genaue Zahlen lägen allerdings nicht vor. Die Drogeriekette Rossmann reagiert auf das Kaufverhalten der Franzosen, indem sie Rabattcoupons bis zu 100 Kilometer nach Frankreich verteilt. „Unseren Erkenntnissen nach zeichnet sich die französische Kundschaft durch eine hohe Markenaffinität aus und tätigt verstärkt große Einkäufe“, sagt Unternehmenssprecherin Vivian Thürnau.

Der Preis ist aber nicht das einzige Argument, das Franzosen in saarländische Drogerienmärkte führt. „Auch das Einkaufserlebnis ist wichtig“, sagt Wojtal. Und in der Tat bekommen Kunden in einem Drogeriemarkt viele Produkte, die es jenseits der Grenze nur in Parfümerien gibt. Und das zu Supermarktpreisen. Ein Pendant gibt es in Frankreich nicht. Die wenigen Geschäfte, die im vergangenen Jahrhundert noch auf Drogerieprodukte spezialisiert waren, haben längst den Kampf gegen die großen Lebensmitteleinzelhändler verloren.

Warum springen dann nicht die deutschen Drogerieketten in die Bresche? Weil es kaum möglich ist, die deutschen Einkaufsbedingungen nach Frankreich zu übertragen. Die mittlerweile insolvente Kette Schlecker hatte es versucht, war aber gescheitert. „Die Hauptlieferanten sind als Markenartikler national organisiert“, sagt Thomas Roeb, Professor für Marketing und Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Die französischen Landesgesellschaften haben sich geweigert, Schlecker für die geringen französischen Umsätze die gleichen Preise zu bieten wie die deutschen Landesgesellschaften für die riesigen deutschen Umsätze.“ 2012 wurde Schlecker in Frankreich an eine Supermarktkette verkauft.

Dass Discounter wie Aldi oder Lidl auch in Frankreich großen Erfolg haben, liegt laut Roeb an der Lieferantenstruktur. „Ihre Hauptlieferanten sind Handelsmarkenhersteller. Die haben zentrale Hauptquartiere, die den europaweiten Umsatz sehen. Auch sind sie zu abhängig vom Händler, als dass sie ihm europaweit einheitliche Preise verweigern könnten.“ Für die französischen Niederlassungen der Discounter wäre es unmöglich, solche Preise selbst von französischen Zulieferern zu erhalten. Und so bewertet Roeb den großen Andrang von Franzosen auf die saarländischen Drogerien als ein reines grenzüberschreitendes Phänomen. „Eine Drogeriekette, die sich in Frankreich niederlassen würde, hätte nicht dieselben Beschaffungskonditionen wie in Deutschland, und somit auch nicht denselben Erfolg.“