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Abgas-Studie
Diesel unterschreitet bei HTW-Test sämtliche Grenzwerte

Der hohe Stickoxid-Ausstoß hat den Diesel in Verruf gebracht.
Der hohe Stickoxid-Ausstoß hat den Diesel in Verruf gebracht. FOTO: Marcus Führer / dpa
Saarbrücken. Nach dem VW-Diesel-Skandal ist die gesamte Technik in Verruf geraten. Ein Test der Hochschule für Technik und Wirtschaft zeigt nun: Moderne Diesel-Motoren liegen bereits jetzt unter den geforderten Grenzwerten und sind für das Erreichen der CO2-Ziele unverzichbar. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Mit einer gemeinsamen Veranstaltung haben die saarländische Forschung, die Politik und die Industrie heute in der Saar-IHK ein Zeichen für den Dieselmotor gesetzt. unter dem Motto „Besser als sein Ruf - der Diesel“ treten sie dafür ein, die Technik nicht grundsätzlich zu verteufeln.



Angesichts der Abgas-Tricksereien bei VW ist auch der Diesel-Motor allgemein in Misskredit geraten. Die Zulassungszahlen bei Diesel-Motoren sinken kontinuierlich. Ein Fehler, sagt Professor Thomas Heinze von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken. „Moderne Diesel-Motoren liegen deutlich unter den geforderten Grenzwerten“, sagt er.

Ausführlicher Test eines BMW 520d

Heinze hat mit seinem Team in der HTW einen BMW Diesel mit umfangreichen Messeinrichtungen ausgestattet und nach den unterschiedlichen Vorgaben getestet. Dabei habe der Motor, der mit Abgasreinigungssystemen und einer Abgasrückführung ausgestattet war, die Grenzwerte deutlich unterschritten. Bei dem für Straßenmessungen vorgeschriebenen Grenzwert von 168 Milligramm Stickoxiden pro Kilometer lag der Test-BMW mit einem Mittelwert von 67,5 Milligramm noch deutlich darunter. Auch bei dem für Prüfstände geltenden Grenzwert von 80 Milligramm schnitt der BMW besser ab. Dabei hatte die HTW das Fahrzeug unter anderem in der Stadt, auf dem Land und der Autobahn getestet. „Und das nicht unter Idealbedingungen, sondern bei winterlichen fünf Grad“, sagte Heinze.

Prof. Dr. Thomas Heinze
Prof. Dr. Thomas Heinze FOTO: BeckerBredel


Technik wichtig für die Zukunft

Der Test betrifft, und das betont Heinze, die modernen Diesel-Fahrzeuge, die es mittlerweile zu kaufen gibt. „Alte Euro-5-Diesel bleiben da außen vor. Bei ihnen steht die Frage der Nachrüstung im Raum“, sagt er. Der getestete BMW gehört mit einer umfangreichen Ausstattung bei einem Marktpreis von rund 75 000 Euro eher zur gehobenen Klasse, bei dem die Abgasreinigung, für die Hersteller mit rund 1500 Euro kalkulieren müssten, nicht so sehr zu Buche schlagen. „Abgasreinigungen sind aber auch für preiswertere Autos bezahlbar“, sagt Heinze. Dort sei die Technik weniger aufwendig. sagt er. Außerdem würden mit höheren Stückzahlen auch die Preise sinken.

Saar-Wirtschaft sieht positives Signal für den Diesel

Die saarländische Wirtschaft sieht in dem Test ein positives Signal für die Diesel-Technik. Joachim Malter, Hauptgeschäftsführer des Unternehmer-Verbands VSE ärgert sich noch immer, dass durch den VW-Skandal die gesamte Technik in Schwierigkeiten gekommen ist. „Das Beispiel des Diesel zeigt, wie die Verfehlung eines einzelnen Herstellers genutzt wird, um eine sinnvolle Technik in Misskredit zu bringen“, sagt er. „Damit wird ein insgesamt sehr umweltfreundliches Produkt insgesamt in Zweifel gezogen.“ Das sei irrational, denn um die Klimaziele zu erreichen, sei der Diesel, der beim CO2-Aussstoß´deutlich besser abschneidet als der Benzinmotor zwingend erforderlich. „Die Zukunft des Automobils kann nicht ausschließlich im E-Auto liegen“, sagt Malter.

Blaupause China

Für Alexander Heintzel, Chefredakteur technischer Auto-Fachzeitschriften im Springer-Verlag, ist die Fokussierung auf E-Mobilität aktuell ein Irrweg: „Der Strom, den wir aktuell für die E-Autos nutzen, kommt vornehmlich aus der Braunkohle“, sagt er. Er sieht die Blaupause für die Automobilität der Zukunft in China: Dort setzt China in Städten vor allem auf E-Mobilität, auf dem Land dagegen auf Hybrid- und Wasserstofffahrzeuge. „Zwar erzeugt China den Strom für die E-Autos noch fossil, aber grundsätzlich ist der Weg richtig“, sagt Heintzel.

Plädoyer für künstliche Kraftstoffe

Der Auto-Experte fordert auch einen massiven Ausbau der Erzeugung künstlicher Kraftstoffe. „Mit Strom, Luft und Wasser lässt sich synthetischer Kraftstoff erzeugen“, sagt Heintzel. Das geschehe bereits jetzt zu Forschungszwecken. „Bei der Technik habe ich den Vorteil, dass ich keine fossilen Kraftstoffe verbrenne und zusätzliches CO2 freisetze. Sondern ich nutze umgekehrt das CO2 der Luft, um damit Kraftstoff zu erzeugen.“ Letztlich bleibe die Verbrennung damit klimaneutral. Und außerdem würden keine Schwefeloxyde freigesetzt. Heintzel fordert, dass die Mineralölindustrie bereits heute verpflichtet wird, Benzin mit synthetischen Kraftstoffen anzureichern. „Für die Motoren ist das kein Problem“, sagt er.

Gutes Zeichen für das Saarland

Pascal Strobel, Leiter des Auto-Netzwerks automotive.saarland, sieht in den Studienergebnissen ein gutes Zeichen für das Autoland Saarland. „Die Messungen der HTW sind ein deutlicher Nachweis, dass für den höheren Stickoxidausstoß bei Dieselmotoren im Vergleich zu Benzinmotoren eine technisch tragfähige Lösung gefunden wurde“, sagt er. Strobel würde sich auch wünschen, dass das Saarland nun bei E-Fuels, also synthetischen Kraftstoffen, Vorreiter in der Entwicklung würde. „Mit dem Überschussstrom, der auch bei uns durch erneuerbare Energien immer wieder anfällt, könnte auch Kraftstoff erzeugt werden“, sagt er. Die Automobilstudie Saar habe bereits die Handlungsempfehlung mitgegeben, bei Konzentration auf bestehende Stärken neue Potenziale zu heben.

Saar-Staatssekretär optimistisch

Auch Jürgen Barke, Staatssekretär im Wirtschafts- und Verkehrsministerium ist angesichts der Messergebnisse optimistisch für die Autoindustrie im Land: „Die saarländische Automobil- und Zulieferindustrie besitzt das Potenzial, neue Produkt- und Marktchancen wahrzunehmen.“ Schließlich seien die Autohersteller gehalten, für Dieselmotoren technisch tragfähige Lösungen zu finden, bei denen auch die Saar-Unternehmen aktiv werden können. In der Saar-Autoindustrie arbeiten rund 44 000 Beschäftigte.