"Wir sind noch nicht über den Berg"

"Wir sind noch nicht über den Berg"

Saarbrücken. "Alle Leute, die Zahlen nicht verstehen, denken, wir hätten die Kurve gekriegt" - Norbert Walter (Foto: SZ), der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat Dienstagabend in Saarbrücken vorschnellem Optimismus einen Riegel vorgeschoben

Saarbrücken. "Alle Leute, die Zahlen nicht verstehen, denken, wir hätten die Kurve gekriegt" - Norbert Walter (Foto: SZ), der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat Dienstagabend in Saarbrücken vorschnellem Optimismus einen Riegel vorgeschoben. Auf Einladung des Arbeitskreises Wirtschaft hat er unter dem Motto "Deutschland nach der Wahl: Zuversicht für die Konjunktur angebracht?" einen breiten Ein- und Ausblick für die deutsche Politik und Wirtschaft gegeben. Und er hat die Zuhörer im voll besetzten Veranstaltungsraum der IHK auf weitere mühsame Jahre eingestellt: Zwar würden die Konjunkturpakete verhindern, dass 2010 noch einmal ein Rückgang kommt, der Zuwachs werde aber nicht mehr wie bisher vom privaten Verbrauch getragen. Firmen würden ihre Beschäftigten nicht mehr halten können, der private Konsum werde einbrechen, der Einzelhandel müsse sich warm anziehen und man müsse sich auch auf Kindergartenschließungen einstellen, weil die Kirchen nicht mehr ausreichend Kirchensteuern bekämen.Wachstum sei stattdessen aus dem Export zu erwarten, für den er wieder ein Plus von vier bis fünf Prozent vorhersagt. "Wir stellen Sachen her, die einfach gut sind", sagt Walter.Hoffnung machte er damit auch den saarländischen Automobilzulieferern. Deutschland habe eine Chance, im Automarkt ordentlich zu überleben, wenn mit Dieselantrieb und Biokraftstoffen das Thema Energieeffizienz vorangetrieben würde. Walter mahnte Unternehmen und Mitarbeiter zu mehr Eigenverantwortung: Tariferhöhungen wie noch 2009 seien im kommenden Jahr nicht drin, sagt Walter. Stattdessen sollten Firmen ihre Mitarbeiter in Weiterbildungen schicken. "Besonders bei Ingenieuren der Nachkriegsgeneration ist das wichtig. Die sollten die Unternehmen noch mal auf die Uni schicken, dann sind sie top-ausgebildet." Die Firmen müssten erkennen, welch hohes Ansehen deutsche Produkte im Ausland hätten. Gerade bei Energie- und Gesundheitstechnik gebe es große Chancen. Auf Impulse der neuen Regierung zu hoffen, sei ein Fehler. Das Zeitfenster für Reformen sei eng, schon bald würden sich die Mehrheiten im Bundesrat verschieben. "Wer aber bis Mai irgendwelche tiefgreifende Reformschritte erwartet, ist liebenswürdig, aber nicht wirklich klug", sagte er mit Blick auf die bevorstehende Wahl in Nordrhein-Westfalen. jwo