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Wir sind Elysée

Meinung. Es ist nichts Besonderes mehr, wenn Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande sich zur Begrüßung umarmen. So wie gestern bei der Eröffnung der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags in Berlin. Im Gegenteil, es wäre eine Überraschung, wenn sie es nicht täten Von Jörg Wingertszahn

Es ist nichts Besonderes mehr, wenn Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande sich zur Begrüßung umarmen. So wie gestern bei der Eröffnung der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags in Berlin. Im Gegenteil, es wäre eine Überraschung, wenn sie es nicht täten.Vor 50 Jahren war das noch ganz anders: Da war der Handschlag der Vertragsunterzeichner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer eine Geste großer symbolischer Bedeutung, ein starkes Zeichen für den Willen, alte Konflikte endgültig zu beenden und gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Und tatsächlich hat dieser Vertrag zu einer völlig neuen, nämlich besseren Qualität in den Beziehungen geführt.



Das müssen auch die Kritiker des Duos Deutschland und Frankreich beherzigen, die beiden Ländern vorwerfen, ihre Freundschaft sei überhöht und angesichts der Globalisierung der Welt längst überholt. Das ist sie nicht. Hätten Deutschland und Frankreich vor 50 Jahren nicht endgültig Frieden miteinander gemacht, sähe Europa heute anders aus. Darum ist es auch richtig und wichtig, diesen Jahrestag groß zu begehen. Die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte schafft Identität und stärkt die Partnerschaft.

Dass Deutschland und Frankreich als Motor für die Entwicklung Europas gelten, ist keine Selbstverständlichkeit. Es war ein langer, mühsamer Weg bis dahin. Der Vertragsunterzeichnung vorausgegangen waren zehn Jahre knallharter Interessenpolitik beider Seiten. Und dabei spielte das Saarland eine herausragende Rolle. Der Status des Saarlandes war nach 1945 nur provisorisch geregelt worden. Franzosen wie Deutsche beanspruchten die Saar als Teil ihres Territoriums. Die Bundesregierung weigerte sich sogar erst, dem Europarat beizutreten, weil Frankreich das Saarland als assoziiertes Mitglied durchsetzen wollte - was auch gelang. Der Kreis mit den zwölf goldenen Sternen auf blauem Grund erinnert übrigens bis heute an diesen Streit. Weil man dem kleinen Saarland dann doch keinen eigenen Stern geben wollte, einigte man sich auf die symbolische Zahl zwölf. Es waren schließlich Kanzler Konrad Adenauer und Frankreichs Außenminister Robert Schuman, die die Lösung der Saarfrage vorantrieben. Schuman, dem Grenzgänger zwischen Deutschland, Frankreich und Luxemburg, schwebte eine europäische Lösung der Saarfrage vor. Auch darum regte er die Gründung der Montanunion an, die die Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Aufsicht stellte, und so den Streit um das Saarland entschärfte. Adenauer würdigte den überzeugten Christen Schuman übrigens später mit den Worten: "Dat is' ne heiligmäßige Mann."

Der Knoten platzte erst, als man sich auf eine Abstimmung über das Saar-Statut im Jahr 1955 einigte. Die Saar sollte innenpolitisch unabhängig, dafür wirtschaftlich an Frankreich angeschlossen bleiben. Doch ein so weitgehend europäisiertes Statut lehnten die Saarländer mit Zwei-Drittel-Mehrheit ab. Man mag das Scheitern dieser europäischen Vision bedauern, der Weg zur deutsch-französischen Verständigung war aber frei. Ohne 1955 kein 1963.

Und dennoch: Man kann ja mal träumen. Hätten die Saarländer anders entschieden und wäre das Saarland tatsächlich Sitz der neuen europäischen Institutionen geworden, ja dann hätten wir heute vielleicht EU-Parlament und EU-Kommission in Saarbrücken vor der Haustür. Der Ministerrat würde in Völklingen tagen, und in Neunkirchen entschieden EU-Richter über die Krümmung der Bananen . . .

Dafür haben wir heute das Deutsch-Französische Sekretariat für berufliche Bildung, die Deutsch-Französische Hochschule und ein international renommiertes Europa-Institut. Viel ist erreicht, aber es geht noch mehr. Wie wäre es, wenn Polizisten, Service-Mitarbeiter und Kindergärtnerinnen zweisprachig wären? Wenn das Saarland zu einem echten Brückenkopf würde? Wenn man uns wie selbstverständlich zu Hilfe riefe, sobald ein deutsch-französisches Problem auftaucht? Es liegt an uns selbst, mehr Frankreichkompetenz aufzubauen. Denn wir wollen ja das französischste aller Bundesländer bleiben.