Wilhelm Wantlek oder: Eine Selbstfindung, um "intensiver, reiner, einfacher zu sehen"

Wilhelm Wantlek oder: Eine Selbstfindung, um "intensiver, reiner, einfacher zu sehen"

Saarbrücken. Wer ist Rudolf Nedzit? Im Netz stößt man auf eine sehr aufwändig gestaltete Seite, die nicht ihn, sondern sein Schreiben thematisiert. Man erfährt, dass das Pseudonym Nedzit ein Anagramm aus dem bürgerlichen Namen des von Nedzit verehrten Hans Fallada ist, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß

Saarbrücken. Wer ist Rudolf Nedzit? Im Netz stößt man auf eine sehr aufwändig gestaltete Seite, die nicht ihn, sondern sein Schreiben thematisiert. Man erfährt, dass das Pseudonym Nedzit ein Anagramm aus dem bürgerlichen Namen des von Nedzit verehrten Hans Fallada ist, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß. Man liest in einem Interview Nedzits mit einem so genannten "Online-Magazin", dass er als Autor am liebsten hinter seinem Werk verborgen bleibe. Nur dieses zähle. Vor ein paar Monaten hat Nedzit, in Saarlouis lebend und Vater zweier Kinder, in einem Kleinverlag einen schmalen Briefroman veröffentlicht. Es ist sein Schreibdebüt im 50. Lebensjahr.

"Wantlek", so sein Titel, ist literarisch von bescheidenem Wert. In dem Interview betont Nedzit, der sich gerne zum Medium des eigenen Werkes herunterstilisiert, das "in der Entstehung befindliche Werk will aus mir heraus, frägt nicht danach, ob und wann ich es gebären will". Hätte man das Buch nicht schon gelesen, man würde es nach diesem Interview gewiss nicht mehr tun. Es mag ja sein, dass man als angehender Autor von sich eingenommen sein muss, weil es sonst im Regelfall (fast) niemand ist. Aber Nedzits Selbstaussage, sein Buch werde "neue Maßstäbe setzen, was stilistischen Aufbau und Konzeption angeht", entbehrt jeder Grundlage. Wenn man, trotz solcher theatralischer Selbstaussagen, wie sie auch den fiktiven Briefeschreiber Wantlek kennzeichen, das literarische Kapitel Nedzit nicht gleich zuschlagen will, dann aus anderen Gründen als den offenbar intendierten.

Das Buch erzählt in Briefform von dem jungen Witwer Wilhelm Wantlek, der Ende des 18. Jahrhunderts, angestoßen durch das Zeitungsinserat eines Psychologen namens Gesslov, seine geknechtete Existenz als Schreiber hinter sich lässt und sich als Versuchsperson auf Gesslovs Landgut begibt. Mit dem Ziel, sich zu befreien und die eigene Würde wiederzufinden. "Meine wirtschaftliche Existenz habe ich zerstört, musste sie zerstören, damit ich innerlich bereit wurde, mich von äußeren Miseren zu scheiden." Begünstigt durch die Sitzungen mit Gesslov (und die Empfindungen, die er für das ihm zufällig begegnende Fräulein Tine hegt) wird Wantlek dahin geführt, "vieles intensiver, reiner, einfacher" zu sehen. Weil er die äußere Welt, wo sie ihm nicht die innere zeigt, hinter sich lässt. Und Gesslovs aufklärerische Position teilt, dass die Religion die Selbstverantwortung untergräbt.

Nedzit hält, nicht ohne Talent, den empfindsamen Ton jener Zeit. Auch gelingt es ihm, in den 26 Briefen die Erdung eines naiven Geistes plausibel zu machen. Der Ertrag seiner eindimensionalen Brieferzählung aber bleibt gering. "Siehe also, das ist der Mensch", zieht Wantlek in seinen Briefen an den Freund Hans am Ende Bilanz: "Mal traurig, mal froh und immer auf der Suche nach irgendetwas, das ihn glücklich machen kann." Eine Lebensphilosophie für Poesiealbum.

Rudolf Nedzit: Wantlek. Briefe an einen Freund. Theodor Boder Verlag, 80 Seiten, 7,20 €

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