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Wiederentdeckung eines Großen

Saarbrücken. Es wird Zeit, den bedeutendsten Vertreter der klassischen Moderne, der aus dem Saarland hervorgegangen ist, den St. Ingberter Albert Weisgerber (1878-1915) wieder zu entdecken. Cathrin Elss-Seringhaus

Die Kunstgeschichte ist keine blinde Richterin, sie verteilt Wertungskärtchen. Und so kommt es, dass Albert Weisgerber (1878-1915), ein Zeitgenosse weltberühmter Avantgarde-Maler wie Kandinsky oder Klee, in der zweiten Reihe landete. Derweil Kollegen ihn zu Lebzeiten ganz weit vorne sahen. Nicht von ungefähr machte die "Neue Münchener Secession" den aus St. Ingbert stammenden Wahlmünchner 1913 zu ihrem Wortführer und ersten Vorsitzenden. Braucht Weisgerber eine Rehabilitation? Eher eine Wiedergutmachung und Wiederentdeckung - im eigenen Land. Denn obwohl ein eigenes Weisgerber-Museum in St. Ingbert zumindest bis zu seiner unseligen Schließung 2005 für Würdigung sorgte, fehlt einem breiteren Publikum Zugang und Kenntnis. Dass 1979 zu Weisgerbers 100. Geburtstag in Mainz und Kaiserslautern die letzte umfassende Ausstellung in der Region stattfand, spricht Bände und macht die aktuelle Retrospektive, die erstmals die üppigen Bestände von Saarlandmuseum und St. Ingberter Weisgerber-Stiftung zusammenführt und mit Leihgaben großer Museen ergänzt, per se zu einer kleinen Ruhmestat. Bespielt wird die gesamte untere Etage der Modernen Galerie, gezeigt werden 140 Werke, davon 94 Gemälde. 40 Arbeiten auf Papier finden sich in der Studiogalerie.

Weisgerber war kein Provokateur, er löste sich nie vom Figürlichen, seiner Kunst fehlt das Auftrumpfende. Es war eine kluge Entscheidung, das Werk nicht chronologisch zu hängen, sondern in Themenkomplexen zu bündeln: Szenen des Alltags, Selbstporträts, biblische und mythologische Themen, Porträts und Atelierdarstellungen. Dadurch wird ein Spezifikum Weisgerberschen Schaffens sofort sichtbar: Er greift Sujets immer wieder auf, ringt um die optimale Bildidee. Er entwickelte keinen Stil-, sondern einen Sujet-Ehrgeiz. Dabei ließ sich er sich durchaus von Vorbildern, von Trends und Moden, beeinflussen. Durch ein Stipendium kam der Hochbegabte schon 1894 nach München, wurde ein Schüler des berühmten Franz von Stuck, genoss die Bohème, lebte zeitweise in Paris, besuchte nach dem Tod der Mutter 1903 häufiger die Heimat. Weisgerber inte-grierte unterschiedliche Einflüsse, imitierte oder kopierte sie jedoch nie. Die volkstümlichen St. Ingberter Biergarten- und Prozessionsbilder kommen impressionistisch daher. Dann wieder zitiert Weisgerber in seinen Frauenakten die ornamentalen Tapeten-Hintergründe von Matisse. Dass er beim Testen fremder Handschriften die eigene mitunter verlor und kein Markenzeichen entwickelte - auch das kann die Schau nicht verschweigen.

Insofern frappiert die "Familie Schwarz", das wohl beunruhigendste Bild der Ausstellung, das ihn, Weisgerber, im Vollbesitz einer spezifisch eigenen Farbpalette zeigt, die er an El Greco schulte. Schemenhaft-gespenstisch lösen sich acht Gestalten aus einem schlammfarbigen Hintergrund - das Gegenteil eines konventionellen Familienausflug-Motivs, eher ein Schreckens-Szenario von Gefühlskälte. So psychologisch wird Weisgerber selten. Was ihn insbesondere in den letzten Jahren vor seinem Tod fesselte, ist das Kreatürliche der menschlichen Existenz. Dafür steht vor allem der leidende heilige Sebastian, aber auch sein Umgang mit dem Amazonen-Mythos. Weisgerber zeigt uns nicht die üblichen mit martialischem Dekor überladenen, erotisch aufgepumpten Kriegerinnen, sondern in ihrer Nacktheit starke, freie, selbstbewusste Weiber. Hier wagt sich Weisgerber weit vor, wenn er Gesichter blau einfärbt. Denn Farborgien waren ihm fremd, ihn interessierte die Ton-in-Ton-Technik. Deshalb entwickelt sich Weiß bei ihm zu einem Farbfest, es changiert und irrisiert, ruft betörende Perlmutt-Töne auf ("Die Schlafende", 1907). Oder es saugt sich im "Selbstporträt am Attersee" (1911) mit Energie, mit goldgelbem Sonnenlicht voll. Und dann sind da noch kapitale Werke wie die "Studie zur Somalifrau" (1907) oder die "Dame mit Windhund" (1905). Beide Male feiert Weisgerber weibliche Majestät: mal in exotischer, mal in mondäner Verpackung. Sich selbst sieht er als männlich-kessen, vitalen Typ. 1905 malt er sich in Unteroffiziers-Uniform, 1912 begegnet man einem ganz anderen, einem nachdenklichen Privatmann in Bademantel und Pantoffel. Will ein solcher Typ wirklich ins Feld? Weisgerber wollte - und fiel 1915 bei Ypern (Belgien).

Doch welchen erstaunlichen Berufsweg der Bäckerssohn aus St. Ingbert ging, welch intensive, komplizierte Ehe er mit Grete lebte, dass ihn mit dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss eine Freundschaft verband - all dies erfahren wir nur im Katalog. Wohl denn: diese Restrospektive prunkt mit Kunst, aber ihr fehlt der Künstler. Man habe die Besucher nicht mit biografischen Informationen überfordern wollen, heißt es aus dem Museum. Doch es ist ein Jammer, wenn nicht ein Ärgernis, dass man uns das vorenthält, was sich mit historischen Fotos und Dokumenten ohne Mühe hätte mit abbilden lassen: das bemerkenswerte Leben eines Saarländers, der in der Kunstwelt Karriere machte.

Bis 5. Juli; geöffnet Di-So 10 bis 18 Uhr, Mi bis 22 Uhr. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm im Internet: www.saarlandmuseum.de