Wie die Fassade nicht gewahrt wirdJahrelange Zahlenspiele

Wie die Fassade nicht gewahrt wirdJahrelange Zahlenspiele

Saarbrücken. Wenn man eine Weile mit Meinrad Grewenig über das ruinöse Bauprojekt Vierter Pavillon spricht, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass da nicht von einem Neubau die Rede ist, sondern von einem Sanierungsfall. Abenteuerlich klingt, was Grewenig andeutet

Saarbrücken. Wenn man eine Weile mit Meinrad Grewenig über das ruinöse Bauprojekt Vierter Pavillon spricht, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass da nicht von einem Neubau die Rede ist, sondern von einem Sanierungsfall. Abenteuerlich klingt, was Grewenig andeutet. Offenbar ist der Rohbau des mittlerweile als "Hochbunker" verschrieenen Gebäudes über acht Monate hinweg ohne eine gültige Ausführungsplanung für dessen technische Ausstattung (Klima-, Lüftungs- und Beleuchtungsanlage) hochgezogen worden. Grund: Weil das damit beauftragte Unternehmen selbige aus Sicht der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz übertrieben kalkulierte, kündigte die Stiftung dem Vernehmen nach vor über einem Jahr den Vertrag auf und beauftragte ein zweites Büro. Dessen Berechnungen jedoch fielen angeblich dann noch höher aus.Fatale Folge: Die "Doppelbeauftragung" verteuerte nicht nur die Pavillonkosten, sondern führte auch planerisch in eine Sackgasse. Denn bis zum heutigen Tag ist weiter ungeklärt, welche Art von Haustechnik denn nun überhaupt realisiert wird. Ein Unding bei einem Museumsbau, dessen Betrieb auf einer hochkomplexen Regelungstechnik basiert.

Die Haustechnik-Hängepartie ist nur ein Detail - wenngleich ein sehr wichtiges - in einer größeren Kette von offensichtlichen Planungs- und Abstimmungsfehlern und wirft ein bezeichnendes Licht auf das unrühmliche Pannenprojekt, das für die CDU-geführte Landesregierung längst zum Albtraum geworden ist. In enorme Schieflage geraten ist es auch aufgrund vielfältiger personeller Verwerfungen: Nicht nur, dass der frühere Stiftungsvorstand Ralph Melcher zwischenzeitlich (aufgrund einer damit nicht verbundenen "Spesenaffäre") beurlaubt und dem Projektsteuerer gekündigt wurde. Letzterer bekanntlich ein Spezi des früheren Kultusministers Jürgen Schreier - ein gelernter Innenarchitekt, dem man nichtdestotrotz ein fürstliches Honorar angedeihen ließ (und freie Hand). Womöglich droht nun mit ihm ein Rechtsstreit. Damit nicht genug, schied auch das Kölner Architektenbüro twoo, nach dessen Entwürfen gebaut wird, im Streit. Dies, noch bevor der Rohbau überhaupt wirklich begonnen wurde. Wie es heißt, weil die Stiftung (und womöglich auch das Land) in nicht hinnehmbarer Weise Einfluss auf die Planungen der Architekten genommen habe.

Sie tat dies nicht zuletzt bei der Fassadengestaltung. Aus Kostengründen verwarf man, durch einen Kuratoriumsbeschluss später gedeckt, die vorgesehene massive Gussglasfassade - das Markanteste des gesamten twoo-Entwurfs und dessen unerlässliches architektonisches Herzstück. Ihrem klobigen, fensterarmen Stahlbetonwürfel, der inzwischen eher wie ein Menetekel aus dem einstigen Wiesenstück vor dem Saarlandmuseum aufragt, hätte diese vorgehängte Glasfassade - transparent und von hinten beleuchtbar - mutmaßlich seine beängstigende Wucht genommen. Sabine Trilling und Jörg Warnebier, die beiden Architekten, hatten ein geschmolzenes Glas ("Paté de verre") gewählt, dessen dezente Welligkeit und Lufteinschlüsse in ihrer Materialstruktur mit der Porigkeit der Nagelfluh-Fassade der bestehenden Modernen Galerie korrespondiert hätte.

Eine Billigheimerlösung?

Was stattdessen nun droht, ist eine Billigheimerlösung, die den Bau endgültig zum Desaster machen würde: eine aus dünnen Scheiben zusammengesetzte, satinierte Glasfassade ohne jedes Gesicht, die so auszusehen verspricht, als wolle man dem Kubus eine graue Blechdecke vom Charme einer Grabplatte überstülpen. "Die Musterplatten schauen alles andere als aufregend aus", befindet Meinrad Grewenig. Und doch hat man diese Glasfassade bestellt - vor seiner Bestallung als Interimsvorstand der Stiftung. Er selbst hält die getroffene Wahl für indiskutabel und überlegt, ob sich womöglich durch eine gezielte "künstlerische Intervention" noch etwas retten lässt. Durch Ritzungen etwa? Kein Kommentar.

Ausgerechnet beim Gesicht des Gebäudes sparen zu wollen - dem einzigen, was den Bau architektonisch abfedern könnte - wäre nach Aussage mehrerer Architekten geradezu fahrlässig. Es wäre ein Sparen an der falschesten Stelle. Nur: Die ästhetisch bestechende twoo-Gussglasfassade wäre, selbst wenn man sich noch eines Besseren besinnen würde, nicht mehr realisierbar. Grewenig zufolge sind die Weichen durch diverse Rohbaumaßnahmen bereits in eine andere Richtung gestellt. "Dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen." Jedenfalls angeblich nicht mehr in Richtung der Kölner Pläne.

Dass von Landesseite hinter den Kulissen nun offenbar Peter Zumthors Bregenzer Kunsthaus (ZUM) - in seinem großartigen Minimalismus eine Inkunabel der zeitgenössischen Architektur - seiner Glasfassade wegen als eine Art Musterbeispiel für den Vierten Pavillon genannt wird, kommt einem Treppenwitz gleich. Nicht nur, weil Zumthors Bau anders als der lichtscheue Saarbrücker Würfel als Tageslichtmuseum realisiert wurde. Sondern auch, weil das trostlose Spiegelgrau, das uns in Saarbrücken heimsuchen könnte, mit der Fili-granität der schuppenartigen Glasfassade des Pritzker-Preisträgers in Bregenz überhaupt nichts gemein hat. Wollen die politisch Verantwortlichen ihr Gesicht wahren, müssen sie nun größten Wert auf die Fassade legen - die Fassade des Pavillons.Saarbrücken. Dass das Pavillon-Projekt anfangs mit neun Millionen Euro eingeflogen wurde, hatte politische Gründe: Um es durchzuboxen, wurden die Zahlen geschönt. In Wahrheit war von Anbeginn klar, dass ein Museumsanbau dieser Größe (4500 Quadratmeter) und Ausstattung weitaus teurer würde. Mahnungen Sachkundiger gab es bereits zu Zeiten der Wettbewerbsausschreibung. Zuhauf.

Noch aus einem anderen Grund aber hat sich das tatsächliche Kostenvolumen des Projekts in Wahrheit nicht verdreifacht: Von Anfang an gab es unterschiedlichste Rechenarten und folglich divergierende Kostenschätzungen. Alles andere als ein Zeichen von Professionalität des Bauherren, der Stiftung und dem Land: 1) Die Architekten etwa kalkulierten, wie branchenüblich, die reinen Nettokosten ohne Mehrwertsteuer (19 Prozent). Folge: Als man das Finanzvolumen 2009 mit 12,5 Millionen Euro bezifferte, dürften sie realiter schon alleine deshalb um 2,5 Millionen Euro höher gelegen haben. 2) Nicht eingerechnet in die seinerzeit kolportierte Bausumme wurden die 2,4 Millionen Euro für die technische Aufrüstung der Modernen Galerie (um dem gesamten Museum künftig eine einheitliche Klimatechnik zu verpassen). 3) Unklar ist auch, ob die Baunebenkosten, im Schnitt 20 Prozent der Bausumme, Teil der lancierten Zahlenspiele waren.

Fakt hingegen ist, dass 2010 in den Landeshaushalt 18,7 Millionen Euro an Pavillonmitteln eingestellt wurden - zuzüglich der 2,4 Millionen Euro für die Umrüstung der Modernen Galerie. Derzeitiges Rätsel ist denn auch eher, wie es ausgehend von diesen 21,1 Millionen Euro nun zu einer erneuten Verteuerung um zehn Millionen Euro kommen konnte. Sofern es bei den vom Interimsvorstand der Stiftung, Meinrad Grewenig, vorsichtig prognostizierten Gesamtkosten (30 Millionen Euro) bleibt.

Die von twoo-Architekten geplante transparente Gussglasfassade hätte dem Betonkubus seine Wucht genommen. Foto: twoo architekten.

Weshalb der Finanzplan abermals aus dem Ruder lief, darüber lässt sich nur spekulieren. Mehrere Gründe zeichnen sich ab: 1) Diverse Planungsfehler schlagen zu Buche - etwa die Doppelbeauftragung für die technische Ausstattung plus die Mehrkosten, die noch anfallen werden, weil der Rohbau ohne Haustechnikplanung erfolgte. 2) Gemunkelt wird, dass das (exorbitante) Honorar des geschassten Projektsteuerers womöglich nicht in die alte Kostenrechnung eingeflossen ist. 3) Bis zu 30 Fachplaner (!) sollen gerüchteweise zeitweilig involviert gewesen sein - gut doppelt so viele wie üblich. 4) Auch Grewenig und die neu ins Boot geholten Controller dürften nicht umsonst arbeiten. cis

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