Wie die Diplomatie Hitler zu Diensten war

Wie die Diplomatie Hitler zu Diensten war

Noch nie hatte eine historische Detailuntersuchung wie ein Paukenschlag das politische Leben in Deutschland verändert

Noch nie hatte eine historische Detailuntersuchung wie ein Paukenschlag das politische Leben in Deutschland verändert. Die vom damaligen Außenminister Joschka Fischer 2005 berufene Unabhängige Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik hat in dreifacher Hinsicht ganze Arbeit geleistet: Sie hat 1) den Mythos der nicht in die Gewaltherrschaft der Nazis verstrickten deutschen Diplomatie zertrümmert. Sie hat 2) die personelle Kontinuität des Auswärtigen Amtes (AA) in den ersten Jahrzehnten der BRD als eine nicht nur der Professionalität geschuldete Fortsetzung einer national-konservativen Grundhaltung demaskiert. Und sie hat 3) einen Verständnisbeitrag für die Bedeutung des mit der Metapher "1968" unvollkommen beschriebenen Geschichtsbruchs geliefert, in dessen Geist nach langjähriger Untätigkeit diese Untersuchung in Auftrag gegeben wurde.

Das durch ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis und vielfältige Register mustergültig erschlossene Buch wird nicht nur der Geschichtswissenschaft wesentliche Impulse für die weitere Erforschung des Dritten Reiches und der frühen BRD geben. Es wendet sich ausdrücklich auch an ein breiteres Publikum. Es ist in zwei Teile gegliedert - die Zeit der Mitwirkung an der Politik und den NS-Verbrechen und sodann die Epoche der Kontinuität. Die Verfasser untersuchen in beiden Fällen das Amt als eine der Zentralen zur Durchsetzung der jeweiligen Politik sowie die Biografien Einzelner. Sie nennen Namen, ordnen ihnen Fakten zu und machen um Prominente (wie von Weizsäcker oder von Bismarck) keinen Bogen.

In der Anfangszeit des Nationalsozialismus haben deutsche Diplomaten weder gegen die Repressions- und Gewaltpraxis protestiert noch sich der Anpassung verweigert. "Eine scheinbar unpolitische Beamtenmentalität, in der Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Effizienz und Staatstreue zählten, aber auch aus dem Kaiserreich tradierte Anpassungs- und Unterordnungsbereitschaft sowie nicht zuletzt ein ausgeprägtes Standesbewusstsein hatten es dem Gros der Beamten im Auswärtigen Dienst ermöglicht, relativ rasch und zielstrebig zum nationalsozialistischen Staat zu finden." Die Vertretungen im Ausland beobachteten Emigranten und berichteten darüber an die Zentrale, die alles an die mit der Repression betrauten Stellen weitergab. Das Auswärtige Amt bearbeitete federführend die Ausbürgerungen.

Das Buch untersucht die Parteizugehörigkeit der Beamten des AA, setzt dabei aber nicht Mitgliedschaft gleich Nazitäter, beschreibt die inneren Spannungen zwischen den einzelnen NS-Organisationen am Beispiel der Rivalität zwischen SA und SS bei der Besetzung hoher Posten. Breiten Raum nimmt die Rolle des Amtes bei der Vernichtung europäischer Juden ein. Schockierend ist eine Reisekostenabrechnung eines hohen Diplomaten, der als Reisezweck nach Belgrad die Liquidierung serbischer Juden nannte.

Die Vernichtungsbürokratie funktionierte bis zuletzt penibel, mit buchhalterischer Akkuratesse. Deutsche Diplomaten organisierten die Erfassung und Deportation von Juden in den besetzten Ländern. Das Auswärtige Amt war an der Wannsee-Konferenz beteiligt, in seinem Archiv fand sich das einzige Protokoll dieser Verabredung zum Völkermord. An Ausplünderung und Kunstraub waren die diplomatischen Vertretungen in den besetzten oder zu Bündnissen gezwungenen Länden aktiv beteiligt. Erst gegen Ende des Dritten Reiches formierte sich Widerstand, beteiligten sich hohe Diplomaten an den Versuchen einer späten Schadensbegrenzung. Im Zusammenhang mit dem 20. Juli wurden einige hingerichtet. Die Untersuchung dokumentiert auch die Heldentaten zweier Mitarbeiter, Fritz Kolbe und Gerhard Feine, die aus Gewissensgründen unter Einsatz ihres Lebens gegen das Naziregime kämpften. Sie waren Einzelne in einem Amt mit 750 Beamten - "von einem Widerstand des Amtes kann keine Rede sein!" widerlegt die Historikerkommission einen jahrzehntelang gepflegten Mythos.

Der zweite Teil des Buches behandelt den Wiederaufbau des Amtes und seine Personalpolitik seitdem. Zwei Beispiele sagen alles: Ernst Achenbach war als Leiter der politischen Abteilung der Botschaft in Paris maßgeblich an Judendeportationen aus Frankreich beteiligt. Nach dem Krieg zog er für die FDP in den Bundestag ein und wurde Berichterstatter in dessen Auswärtigem Ausschuss. Die sozialliberale Koalition war wegen ihrer knappen Mehrheit auf diesen FDP-Mann angewiesen, versprach ihm gar den Posten eines deutschen Kommissars in Brüssel. Erst massive Interventionen von Serge Klarsfeld veranlassten damals Willy Brandt, diese Personalie vom Tisch zu nehmen. Der oben erwähnte Fritz Kolbe liefert das Gegenbeispiel: Als Einzelkämpfer leistete er Widerstand, indem er geheime Nachrichten und Dokumente an den US-Geheimdienst lieferte. Nach dem Krieg verweigerte man ihm den Wiedereintritt in das Auswärtige Amt, stigmatisierte ihn als Verräter.

Fazit: Dieses Buch beendet ein unsägliches Kapitel und lässt den Ruf nach ähnlichen unabhängigen Untersuchungen in anderen Bereichen von Politik, Verwaltung und Gesellschaft erschallen.

Eckehart Conze/Norbert Frei/Peter Hayes/Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing, 880 S., 34,95 €

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