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Werther? Der kann nicht anders

Jetske Mijnssen bei den Proben für ihren „Werther“ im Staatstheater. Foto: Kerstin Krämer
Jetske Mijnssen bei den Proben für ihren „Werther“ im Staatstheater. Foto: Kerstin Krämer FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken. Nach ihrer Inszenierung von Theodore Gouvys „Der Cid“ kommt die Holländerin Jetske Mijnssen wieder ans Saarländische Staatstheater: mit Jules Massenets „Werther“. Bei ihr ist Goethes Figur kein verantwortungsloser Schwärmer, sondern in innerlich Zerrissener. Von SZ-MitarbeiterinKerstin Krämer

Die Holländerin Jetske Mijnssen wird gerne mit hochemotionalen Beziehungsstücken beauftragt. Kein Wunder, beweist die besonders im deutschen Sprachraum gefragte Opernregisseurin bei ihren Inszenierungen doch ein ausgeprägt tiefenpsychologisches Interesse. Auf die Frage nach einem eigenen Stil kommt daher ein entschiedenes "Ja!": Mijnssen, Jahrgang 1970, spürt menschlichen Schwächen nach, sucht nach Schatten. "Ich gehe nahe an die Figuren heran, lese sie anders. Dadurch gelingt es mir immer wieder, einen Stoff so umzusetzen, dass er sehr aktuell ist." Eine zeitgenössische Brisanz, die sich nicht zwanghaft in äußerlicher Modernisierung niederschlägt: Aktuell inszeniert Mijnssen - nach Theodore Gouvys "Der Cid" - erneut am Saarländischen Staatstheater "Werther" von Jules Massenet und setzt dabei zum ersten Mal auf historische Kostüme. Im Zusammenklang mit dem abstrakten Bühnenbild (Ausstattung: Ben Baur) soll das Bilder wie Gemälde ergeben, Szenen wie Stillleben.

Gefühle im Korsett

Die hochgeschlossene, gedeckte Kleidung symbolisiert für Mijnssen das emotionale Korsett jener Epoche: Sie soll die Macht von Konventionen begreiflich machen und verdeutlichen, warum Charlotte aus ihrem Eheversprechen für den braven Albert nicht heraus kann, obwohl sie doch den impulsiven Werther liebt. Den sieht Mijnssen nicht als sentimentalen Egozentriker, wie man ihn aus Goethes Briefroman herauslesen kann - nicht als verantwortungslosen Schwärmer, sondern als innerlich Zerrissenen: "Der kann nicht anders", meint Mijnssen.

Wie aber schafft man es, ihn nicht als Narziss darzustellen? Mijnssen glaubt, in Konzentration und Klarheit den Schlüssel gefunden zu haben. Zusammen mit Operndirektorin Brigitte Heusinger und dem musikalischen Leiter Thomas Peuschel hat sie eine eigene Fassung erarbeitet, die ganz auf das Beziehungsdreieck Lotte, Albert, Werther fokussiert. "Wir haben zugespitzt, Kleinkram weggekürzt und Szenen ineinander geschoben", erzählt Mijnssen und formt zur Verdeutlichung mit den Händen einen Trichter. Des Weiteren hat sie Werther und Charlotte je einen Doppelgänger zur Seite gestellt, der von Schauspielern verkörpert wird: Sie übernehmen die Rollen, während die Sänger das wahre Innenleben der Figuren reflektieren. "Theater muss ein Spiegel sein, Oper muss unter die Haut gehen!", sagt Mijnssen. Nach einem Literaturstudium in Amsterdam absolvierte sie an der dortigen Hochschule der Künste eine Regie-Ausbildung mit dem Schwerpunkt Musiktheater. "Für mich kam nur Oper in Frage", erklärt Mijnssen. "Die Musik gibt mir die Bilder. Das ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Inszenierungskraft."

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Staatstheaters. Karten unter Tel. (0681) 309 24 86.

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