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"Wer sein Personal hält, wird unterstützt"

Saarbrücken. Hedy Quirin (71) beteiligt sich seit vielen Jahren an der Mai-Kundgebung der Gewerkschaften. Als Mitglied im Verdi-Landesvorstand der Senioren kritisiert sie: "Die Rentner werden vergessen. Ich möchte mich für sie stark machen, auch für höhere Renten. Ich wäre froh, wenn sich die Gesellschaft mehr um ältere Menschen kümmern würde Von SZ-Redakteur Thomas Sponticcia

Saarbrücken. Hedy Quirin (71) beteiligt sich seit vielen Jahren an der Mai-Kundgebung der Gewerkschaften. Als Mitglied im Verdi-Landesvorstand der Senioren kritisiert sie: "Die Rentner werden vergessen. Ich möchte mich für sie stark machen, auch für höhere Renten. Ich wäre froh, wenn sich die Gesellschaft mehr um ältere Menschen kümmern würde." Mindestlöhne und eine generell faire Bezahlung sind ebenfalls Anliegen von Quirin.Für Antonius Müller, Vertrauenskörperleiter bei Saarstahl Völklingen und seit 1981 IG-Metall-Mitglied, gehört die Mitwirkung an der Kundgebung zum Kampf um den Erhalt von Arbeitnehmer-Rechten und der Demokratie. Müller hat nicht vergessen, dass sich die Nazis an einem Verwandten gerächt haben, der einmal Streikleiter war. Dieser durfte fortan nicht mehr arbeiten.Stephan Hahn (26), Beschäftigter bei Ford, betont: "Auch die Jugendlichen müssen aufstehen und sich an Mai-Kundgebungen beteiligen. Es gibt zu wenig Lehrstellen. Zu viele junge Leute werden nach der Lehre nicht übernommen. Und viele Menschen müssen sich Bildung mit Nachhilfe einkaufen." Wie Stephan Hahn sind nach Polizeiangaben 3000 Teilnehmer vom Schlossplatz entlang der Staatskanzlei zum Staatstheater unterwegs, dem zentralen Platz der Kundgebung. Berthold Huber, IG-Metall-Chef und Festredner betont dort sogleich: "Der 1. Mai ist kein Feiertag. Er ist in diesem Jahr ein Tag des Protests gegen alle, die die Lasten der Wirtschafts- und Finanzkrise auf dem Rücken der Arbeitnehmer austragen wollen." Huber spricht von "Arbeitsplatz-Vernichtern", prognostiziert "einen Systeminfarkt durch vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus", sieht den "Bankrott des Neoliberalismus", unter dem mittlerweile viele Millionen Menschen zu leiden hätten. Ungezügeltes Profitstreben führe die Menschen in eine ökonomische und ökologische Katastrophe.Huber sieht die Lösung in einer sozialen Demokratie als Wirtschaftsmodell, in der es gute Arbeit zu fairem Einkommen gibt. Gleichzeitig fordert Huber eine Ausweitung der Mitbestimmung in den Unternehmen. Ohne die Montan-Mitbestimmung, ohne die Hilfe der Politik "würde es Saarstahl heute nicht mehr geben", betont Huber. Spontan kommen aus der Menge zahlreiche "Oskar Oskar" Rufe, fiel doch die entscheidende Zeit der Verhandlungen im Saarstahl-Konkurs in die Regierungszeit von Oskar Lafontaine, wurden unter anderem der Fortgang der Produktion und die Stahlstiftung beschlossen. Huber reagiert auf die Rufe blitzschnell, will offensichtlich nicht zu viele Lorbeeren in Richtung Lafontaine verteilt wissen: "Macht das später", sagt er zu den Rufern. Auch Saar-DGB-Chef Eugen Roth erinnert in seiner Rede daran, dass noch andere als Oskar Lafontaine an der Rettung von Saarstahl beteiligt gewesen waren. Huber bietet unterdessen allen Unternehmern Zusammenarbeit an, die Arbeitsplätze halten. Wer die Krise zum Personalabbau nutzt, werde entschieden bekämpft. Es sei richtig, existenzbedrohte Industriebetriebe mit finanziellen Hilfen durch den Staat zu unterstützen. Rettungsschirme dürfe es nicht nur für Banken geben.Eugen Roth appelliert an die Unternehmen, Kurzarbeit für Qualifizierung zu nutzen. "Unternehmen mit Zukunft halten ihre Belegschaften." Eine "ungezügelte Ausweitung des Niedrig-Lohn-Sektors mit Billiglöhnen und Leiharbeit" werde auf starken Widerstand stoßen. Die Landesregierung müsse eine Bundesratsinitiative für gesetzliche Mindestlöhne, speziell im Dreiländereck, auf den Weg bringen. An der Saar seien deutlich mehr Investionen in die Bildung notwendig. Auslaufbergbau beschädige den Industriestandort Saarland. Die 1700 Bergleute, die am Ende 2012 nach Ibbenbüren müssen, fehlten als Arbeitskräfte und als Konsumenten. Den an der Saar oft zu hörenden Spruch "Hauptsach gudd gess" will der DGB-Chef so nicht mehr gelten lassen. Künftig müsse gelten: "Zuerst gut geschafft, dann gut bezahlt, dann gut gegessen." "Ungezügeltes Profitstreben führt die Menschen in eine ökonomische und ökologische Katastrophe."Berthold Huber, IG-Metall-ChefMeinung