Potsdam/Kabul: Wenn Soldaten im Kampf ihr Leben verlieren

Potsdam/Kabul : Wenn Soldaten im Kampf ihr Leben verlieren

Vor zehn Jahren starb der erste Bundeswehrsoldat in einem Gefecht. Zwischen den Erfahrungen im Einsatzland und dem Leben in der Heimat liegen Welten.

Die erste Meldung ist militärisch kurz und lässt das Unheil nur in Abkürzungen erkennen: 14.23 Uhr, südwestlich von Kundus, Patrouille im Feuerkampf, Beschuss mit Panzerfäusten. Auf einer Erkundungsfahrt im Norden Afghanistans sind Soldaten und Aufbauhelfer in Transportpanzern in einen Hinterhalt geraten. Der Hauptgefreite Sergej Motz (21) wird an diesem 29. April 2009 getötet, als eine Panzerfaust den schützenden Mantel des Fahrzeugs durchschlägt. Er ist der erste Soldat der Bundesrepublik, der im Gefecht ums Leben gekommen ist.

Stunden vor dem Hinterhalt waren im Raum Kundus bereits Soldaten einer anderen Patrouille mit einem Sprengsatz angegriffen und verletzt worden, erinnert sich ein Offizier. Er war vor zehn Jahren einer von zwei Kompaniechefs, die mit ihren Soldaten den Auftrag hatten, das Feldlager Kundus zu schützen und verfolgte den Kampf aus dem Gefechtsstand.

„Das Gelände, in dem sie eingesetzt waren, kanalisierte ihre Bewegungen und bevorzugte den Feind“, erinnert er sich. In den Tagen zuvor hatte die afghanische Armee in dem Raum eine Offensive gegen Aufständische geführt. „Nun kämpfen unsere Kameraden auf der staubigen Piste um ihr Leben“, beschreibt er die Lage. „Dann erreicht den Gefechtsstand die Meldung, dass ein Soldat im Feuerkampf gefallen ist.“

Die Soldaten können sich zunächst nicht freikämpfen und müssen sich in dem Gebiet für die Nacht und bis zum nächsten Tag zur Verteidigung einrichten. Die Verletzten werden bald mit einem Hubschrauber ausgeflogen. „Das „Rotlicht“ aus dem Innenraum der CH-53 ist mir noch gut in Erinnerung, ebenso wie die Emotionen der Kameraden. Ich sah Trauer und Entschlossenheit, aber auch Hass“, sagt der Offizier, der gerade wieder in Afghanistan im Dienst ist.

Rund 800 Menschen nehmen bei der Beerdigung Abschied von Motz. „Diejenigen, die jetzt an Rückzug denken, würden Afghanistan wieder in die Hände der Taliban geben“, sagte der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) beim Gottesdienst in Bad Saulgau in Baden-Württemberg.

In den Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind bisher 110 Soldaten gestorben, darunter sind auch einsatzbedingte Unglücksfälle, Krankheit und Selbstmorde. Im Kampf getötet worden sind 37 Soldaten, davon 35 in Afghanistan.

„Die Erfahrung zeigt, dass viele Hinterbliebene von Bundeswehrangehörigen, die im Dienst verstorben sind, die Frage nach den genauen Todesumständen sehr beschäftigt“, erklärt Susanne Bruns, Hinterbliebenenbeauftragte im Verteidigungsministerium. Sie holt diese Informationen ein oder organisiert, wo es möglich ist, auch Fahrten ins Einsatzland. Bruns kümmert sich um Sorgen und Nöte.

Für die Hinterbliebenen ist wichtig, dass ihrer Toten ehrend gedacht wird. Seit 2009 gibt es als zentralen Gedenkort das Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin. Auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos bei Potsdam steht zudem der „Wald der Erinnerung“. Auch für die Soldaten haben die Trauerrituale eine große Bedeutung.

Der Tod im Gefecht ist eine besondere Situation. „Das betrifft den Kern des Soldatenberufes: Kämpfen. Und man kann auch dabei sterben“, sagt eine Truppenpsychologin. „Das Bedürfnis vieler Soldaten ist es, nach einer besonders gefährlichen Lage trotzdem wieder raus zu gehen auf Patrouille oder zum nächsten Auftrag. Das ist auch sinnstiftend.“ Es werde aber vermieden, die Soldaten nach einer solchen Erfahrung von „Extremstress“ noch am gleichen Tag wieder rauszuschicken.

Die Parlamentsarmee Bundeswehr hat im Einsatz stets die Unterstützung einer Mehrheit der Abgeordneten, doch Hinterbliebene müssen sich mitunter sagen lassen, ihr Sohn „habe doch gewusst“, worauf er sich einlasse. Der deutschen Gesellschaft ist das Militärische überwiegend fremd, selbst wenn Einsätze für richtig gehalten werden. Und die Aussetzung der Wehrpflicht hat eine schon vorhandene Distanz noch vergrößert.

Aber es scheint auch fast unmöglich, Kriegserlebnisse wie Raketeneinschläge oder Selbstmordattentate in der Heimat zu teilen. „Meine Frau sagte, ,Du erzählst nichts.’ Aber alle Worte dieser Welt hätten nicht ausgereicht“, sagt ein altgedienter Offizier.

Das Gebiet, in dem Motz vor zehn Jahren starb, ist heute in Händen der Taliban. Der Kundus-Fluss zieht sich hier schlangenförmig durch die Landschaft. Links und rechts von ihm werden Reis und Weizen, Weintrauben und Melonen angebaut, die im ganzen Land verkauft werden.

Die afghanische Regierung kontrolliert im Bezirk Tschahar Darah, der teils direkt an Kundus-Stadt angrenzt, nur noch die Hauptstraße und eine Handvoll Gebäude im Bezirkszentrum, sagen Behördenvertreter. In den vergangenen Jahren hat man sukzessive Dörfer an die Radikalislamisten verloren.

Die verbliebenen Regierungseinrichtungen im Bezirkszentrum werden in wiederkehrender Regelmäßigkeit angegriffen, zuletzt vor zwei Wochen. Es ist derselbe Krieg, es sind dieselben Waffen wie vor zehn Jahren. Die Taliban feuerten vor allem mit Panzerfäusten auf ihren Feind, seltener mit Mörsergranaten, sagt Polizeichef Mohammed Omar Saleh. Sieben seiner Polizisten verlor er beim jüngsten Angriff. Die Bewohner des Bezirks versuchen, so gut es geht, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Immer wieder aber werden Zivilisten etwa auch in Luftschlägen getötet, wenn Operationen der afghanischen Spezialkräfte schieflaufen und diese Luftunterstützung anfordern. Im Juli des Vorjahres kamen so 14 Frauen und Kinder ums Leben.

Die Taliban treiben heute in den von ihnen kontrollierten Gebieten in Tschahar Darah Steuern ein, beaufsichtigen den vom Staat finanzierten Schulbetrieb und halten Gerichtsverhandlungen ab. Die Bewohner könnten eigentlich in die sechs Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Kundus fahren, um Rechtsstreitigkeiten zu lösen. Ihnen seien aber die Taliban-Gerichte lieber, weil diese sich der Angelegenheiten schneller und ohne Korruption annehmen würden, erzählen Provinzräte.

Der Chef der Dörfer in Tschahar Darah, Mohammad Nabil Dschalili, sagt, die Bewohner hätten „süße Erinnerungen“ an die deutschen Soldaten. Sie hätten sich gegenüber den Menschen gut verhalten, viel Hilfe geleistet, Schäden sofort kompensiert. Daran erinnere man sich bis heute.