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Wenn die deutsche Wirtschaft schrumpft

Was passiert, wenn eine Volkswirtschaft schrumpft?Antwort: Grundsätzlich gehen bei einer schrumpfenden Volkswirtschaft Arbeitsplätze verloren: Denn wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, gibt es auch nicht mehr ausreichend Arbeit für die Arbeitnehmer. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit für dieses Jahr eine durchschnittliche Arbeitslosigkeit von 3,7 Millionen Von SZ-Redakteur Joachim Wollschläger

Was passiert, wenn eine Volkswirtschaft schrumpft?Antwort: Grundsätzlich gehen bei einer schrumpfenden Volkswirtschaft Arbeitsplätze verloren: Denn wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, gibt es auch nicht mehr ausreichend Arbeit für die Arbeitnehmer. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit für dieses Jahr eine durchschnittliche Arbeitslosigkeit von 3,7 Millionen. Im kommenden Jahr werde der Schnitt bei 4,7 Millionen liegen. Im Jahr 2008 betrug er noch 3,27 Millionen Erwerbslose. Muss eine Wirtschaft denn unbedingt wachsen?Antwort: Eine Wirtschaft muss wachsen, um die Zahl der Arbeitsplätze stabil zu halten. Denn wenn die Produktivität der Unternehmen steigt, brauchen sie für die gleiche Arbeit immer weniger Personal. In einem entwickelten Land wie Deutschland beträgt der Produktivitätsfortschritt nach Aussage des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger ein Prozent. Im gleichen Maße muss auch die Wirtschaft wachsen, sollen keine Arbeitsplätze verloren gehen. Weniger entwickelte Länder benötigen für Arbeitsmarktstabilität ein weit höheres Wachstum. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte China beispielsweise im Jahr 2006 einen Produktivitätsfortschritt von neun Prozent, gleichzeitig aber auch ein zweistelliges Wachstum.Kann Kurzarbeit den Verlust von Arbeitsplätzen verhindern?Antwort: Kurzarbeit kann nur als Puffer in der Krise wirken. Zum Beispiel hilft sie den Unternehmen aktuell die Zeit zu überbrücken, bis die Konjunkturpakete wirken. Da die Wirtschaftskrise allerdings aller Voraussicht nach länger andauern wird, wird auch das Instrument der Kurzarbeit einen Arbeitsplatzabbau nicht verhindern können. In der Rezession 1993 nach der Wiedervereinigung gab es trotz einer halben Million mehr Kurzarbeiter ein Beschäftigungsminus von 1,4 Prozent.Welche weiteren Auswirkungen hat der Rückgang?Antwort: Der Verlust von Arbeitsplätzen bringt automatisch einen Kaufkraftverlust mit sich. Denn die Arbeitnehmer haben weniger Geld, das sie anschließend ausgeben können. Doch nicht nur die Arbeitnehmer sind betroffen, die ihren Job verlieren. Denn sie machen nach Berechnungen der Commerzbank mit 620 Milliarden Euro nur noch rund 40 Prozent des verfügbaren Einkommens von 1,5 Billionen Euro aus. Ein fast ebenso hoher Anteil von 600 000 Euro kommt aus selbstständigen Tätigkeiten, Pachten, Mieten, Zinseinnahmen und Dividenden. Auch hier sind große Ausfälle zu erwarten.Müssen wir jetzt eine Inflation fürchten?Antwort: Erst einmal erwarten die meisten Experten angesichts der gesunkenen Energiepreise und des zurückhaltenden Konsums kurzfristig eher das Risiko einer Deflation. Bei der weiteren Entwicklung allerdings sind sie uneins: Während der Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, ab 2011 eine Inflation von mehr als fünf Prozent erwartet, schließt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger diese vollständig aus. Der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer dagegen sieht beträchtliche Inflationsrisiken. Als Gründe nennt er hohe Staatsschulden, eine höhere Anspruchshaltung in der Bevölkerung nach den Rettungspaketen und eine erhöhte Liquidität durch die Zentralbanken. Zu dem Preisanstieg komme es aber nicht vor 2011.


HintergrundAuch in Frankreich ist die Rezession jetzt amtlich. Wie das Statistikamt Insee am Freitag mitteilte, schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt das vierte Mal in Folge. Es ging im ersten Quartal um 1,2 Prozent zurück. Die Regierung senkte daher ihre Konjunkturprognose für 2009: Statt um 1,5 Prozent werde die Wirtschaftsleistung um drei Prozent zurückgehen. afp