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Wenn der Wahrheit der Mittelfinger gezeigt wird

Saarbrücken. Ulrich Brenner

Deutschland streitet sich mal wieder über einen ausgestreckten Mittelfinger. Kurz vor der Bundestagswahl 2013 mischte ein Foto den Wahlkampf auf, das SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigt, wie er diese provozierende Geste macht. Seit Tagen nun beschäftigt einen Teil der Medien ein "Fingerzeig" des heutigen griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis. Beiden Fällen ist gemein, dass sie ein schlechtes Licht auf die Fähigkeit einiger Medien werfen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem sowie zwischen Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge zu unterscheiden. Dass sich nun der neue Satire-Star Jan Böhmermann diese Unfähigkeit mit einem gefälschten Fälschungsbeweis für die Varoufakis-Szene zunutze machen kann, um noch mehr Verwirrung zu stiften, ist bezeichnend.

Was ist geschehen? Günther Jauch spielte in seiner Diskussionsrunde am Sonntag einen Beitrag über Athens Finanzminister ein, in dem der Sprecher raunt, Varoufakis stehe für klare Botschaften "besonders an Deutschland". Dann sieht man eine kurze Filmsequenz, in der der Grieche den Mittelfinger zeigt und mit dem Satz zu hören ist: "und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Du kannst das Problem alleine lösen".

Ob diese Sequenz, wie der aus Athen zugeschaltete Varoufakis mutmaßte, technisch manipuliert wurde, ist zweitrangig. In jedem Fall war der Umgang mit der wohl authentischen Szene durch die Jauch-Redaktion manipulativ. Auch wenn eine kleine Einblendung schamhaft auf das Entstehungsjahr der Aufnahme (2013) hinwies, die Einleitung und Jauchs anschließende Frage ließen es wie ein aktuelles Statement als Minister erscheinen. Verschwiegen wurde, dass der Professor hier einem kleinen Publikum in Zagreb ausführlich erläuterte, welche ökonomische Empfehlung er im Jahr 2010 (also vor fünf Jahren) an Athen zu Beginn der Krise gegeben hatte: nämlich wie einst Argentinien seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären und so - ja! - Deutschland "den Finger zu zeigen".

Nicht verwunderlich, dass diese von der seriösen ARD gegebene Vorlage vom Boulevard aufgegriffen wurde, um mit einer weiteren Verkürzung über Tage Richtung Athen zu zündeln. Aufgabe der Medien ist es aber, Vorgänge in den richtigen Zusammenhang zu stellen. Auch Steinbrücks "Stinkefinger" wurde 2013 von vielen gerne als Statement des Kandidaten an den Wähler zum Abschluss seines verkorksten Wahlkampfes genommen. Dabei war das Bild - eines von vielen aus dem Foto-Interview der "Süddeutschen Zeitung" - Monate vorher entstanden und nur kurz vor der Wahl prominent im Blatt platziert worden. Im September 2013 verdrängte es Steinbrücks inhaltliche Agenda. Ebenso erschwert nun die überflüssige "Stinkefinger"-Debatte um Varoufakis die Suche nach einer sachlichen Lösung in der Griechenland-Krise.

Gerade im Internet-Zeitalter werden Menschen immer häufiger mit Filmen, Fotos und Zitaten konfrontiert, deren Authentizität sie nicht prüfen können, bei denen der zeitliche und inhaltliche Kontext offen oder verfälscht ist, der Wahrheit quasi der Mittelfinger gezeigt wird. Die Nutzer müssen lernen, Informationen im Netz mit Vorsicht aufzunehmen. Auf öffentlich-rechtliche Medien und Presse sollten sie sich aber verlassen können. Damit das Land Relevantes diskutiert.