Wenn der Tod ins Erzählen kommt

Claire und ihre Mutter sehen sich kaum. Die Mutter arbeitet im Krankenhaus, schiebt ständig Überstunden, bringt Babys auf die Welt. Claire schreibt Klausuren, geht joggen und babysitten. Ihr wichtigstes Kommunikationsmittel ist die Kühlschranktür. Jeden Morgen geht der Blick erst auf die kleinen Zettelchen, die sich dort sammeln, mit Einkaufslisten, Grüßen, Meckereien und Gefühlsausbrüchen

Claire und ihre Mutter sehen sich kaum. Die Mutter arbeitet im Krankenhaus, schiebt ständig Überstunden, bringt Babys auf die Welt. Claire schreibt Klausuren, geht joggen und babysitten. Ihr wichtigstes Kommunikationsmittel ist die Kühlschranktür. Jeden Morgen geht der Blick erst auf die kleinen Zettelchen, die sich dort sammeln, mit Einkaufslisten, Grüßen, Meckereien und Gefühlsausbrüchen. Doch dann kommt der Tag, an dem Worte auf Zetteln nur noch schwer helfen. Die Engländerin Alice Kuipers hat mit ihrem ersten Roman "Sehen wir uns morgen?" ein intensives Miniaturportrait einer Mutter-Tocher-Beziehung geschrieben, das gerade wegen seiner wortsicheren Kürze packt. Obwohl es in seinem Kern von einer tödlichen Krankheit handelt, ist es von den typischen drögen Problembüchern für Jugendliche mit pädagogisch wertvoller Haltung meilenweit entfernt. Ein kompaktes, gelungenes Debüt.

Hier erzählt der Tod höchstpersönlich. Boshaft ist er nicht, eher um die Menschen bekümmert. Manche will er gar nicht auf die Schippe nehmen, Liesel Meminger zum Beispiel. Die aber ist umgeben von Toten und dem Sterben Geweihten in Zeiten von Hitlers Machtergreifung und beginnendem Krieg. Ungewöhnlich und sprachlich völlig eigen ist Markus Zusaks neuer Jugendroman "Die Bücherdiebin". Selten hat man Meister Tod so zartfühlend gesehen, sanft ironisch, er entdeckt noch Schönes in größtem Elend. Den Kapiteln sind groteske kleine Passagen vorangestellt, bizarre Gedankenspiele. Anekdoten und Skizzen zuhauf, mal poetisch, mal deftig, zeigen die menschliche Fähigkeit zu Freundschaft und Mitleid auch in übelsten Zeiten. Liesels Pflegevater, ein einfacher, ehrlicher Maler, meist ohne Arbeit, wird ein unkalkulierbares Risiko eingehen. Er versteckt einen Juden.

Der preisgekrönte australische Autor, Sohn deutsch-österreichischer Immigranten, verarbeitet hier die Geschichte seiner Familie. "Die Bücherdiebin" fasziniert vor allem ob ihres Distanz schaffenden Erzähler-Kniffs, Kriegs-Zeiten aus Todes-Sicht zu schildern. Ein gewagtes Unterfangen, und ein gelungenes.

David kann den Tod seiner Mutter nicht verwinden. Als sein Vater eine neue Frau ins Haus bringt, die zudem noch schwanger ist, verliert David endgültig die Geduld. Er flüchtet sich in seine düstren Bücher, den Halbbruder hasst er von Herzen. Am liebsten wäre er weit weg von dem zu Hause, das für ihn keines mehr ist. Da tut sich ihm tatsächlich der Weg in eine andere Welt auf. Der Ire John Connolly hat mit "Das Buch der verlorenen Dinge" eine außerordentliche Mixtur aus Horror und Fantasy geschrieben, die mit ins grausam Absurde übersteigerten Märchenversatzstücken arbeitet. Nicht selten gemahnt die Story an Szenen aus David Lynchs Filmen. In labyrinthischen Wäldern tummeln sich grausame Jägerinnen, irre Chirurgen und gequälte Geschöpfe, halb Kind, halb Tier. Die Sprache variiert zwischen mystischem Thrill und lyrischer Mär. Das Buch hat in den USA die renommierte Jugendbuchauszeichnung Alex Award erhalten. Immer tiefer verstrickt sich David in eine Welt jenseits der Realität. Aber er spürt genau, sein kleiner Bruder ist in Gefahr. Ob der erlebten Schrecknisse hat er verlernt, ihn zu hassen. Das spannungsgeladene Buch kreist in archaischen Mustern um die Macht des Erzählens, um Liebe und Verrat, Eifersucht und Mut. Kurz: um die Gefahren des Erwachsenwerdens.

Alice Kuipers: Sehen wir uns morgen? Fischer schatzinsel, ab 14 J., 235 Seiten, 9,95 Euro.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, cbj Bertelsmann, ab 14 J., 590 Seiten, 19,95 Euro.

John Connolly: Das Buch der verlorenen Dinge, List, ab 16 J., 336 S., 16,90 Euro.

Buchbestellungen im Internet: www.saarbruecker-zeitung.de/

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