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Wenn dem Penck der Kanzler fehlt

Berlin. Lässt sich die Geschichte der Republik mit Hilfe von Kunst nacherzählen? Man muss vielleicht die wissenschaftsferne Chuzpe eines Kai Diekmann haben, um sich so was vorzunehmen: eine ins Korsett der Zahl gepresste ästhetische Zeitreise, eine auf den deutschen Nabel starrende Kunst-Betrachtung der vergangenen 60 Jahre Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Berlin. Lässt sich die Geschichte der Republik mit Hilfe von Kunst nacherzählen? Man muss vielleicht die wissenschaftsferne Chuzpe eines Kai Diekmann haben, um sich so was vorzunehmen: eine ins Korsett der Zahl gepresste ästhetische Zeitreise, eine auf den deutschen Nabel starrende Kunst-Betrachtung der vergangenen 60 Jahre. Der "Bild"-Chefredakteur hatte die Idee zu "60 Jahre. 60 Werke" im Berliner Martin-Gropius-Bau, vor allem auch die mediale Macht, das Projekt in seinem Blatt massenwirksam zu verkaufen.


Nicht wenige Feuilletonisten zerpflückten das Konzept. Die Hauptkritik richtete sich nicht gegen die zwangsläufig lückenhafte und angreifbare Auswahl eines Kuratoriums oder den kaum verhinderbaren Hitparaden-Eindruck, der suggeriert: Wer im Gropius-Bau hängt, der hat's in die nationale Bestenliste geschafft. Am meisten Anstoß erregte die Kuratoren-Vorgabe, ostdeutsche Kunst bis zur Wiedervereinigung nicht zuzulassen. Dadurch, so der Vorwurf, werde "die Mauer wieder errichtet". Die Kuratoren widersprachen: Nicht die gesamtdeutsche Geschichte biete den Bezugsrahmen, sondern die freiheitlich-rechtliche Grundordnung der BRD. Und damit Artikel 5.3. des Grundgesetzes: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." DDR-Kunst könne also nicht stattfinden. Diese Überlegung besitzt sowohl den Charme der Provokation wie auch den der Konsequenz. Der Aufklärung und der Erkenntnisförderung nutzt die Beschränkung freilich nicht. Dem Durchschnittsbesucher wird all dies sowieso kaum klar.

Vereinsamte Künstler

Er sieht 150 Werke, in 18 Räumen, akkurat chronologisch gehängt. Trifft 60 Künstler, meist alte Bekannte - von Antes, Beuys, Balkenhol über Penck und Rehberger bis hin zu Tilmans, Trockel, Uecker und Wols. Es ist ein puristischer Kunst-Parcours ohne Biografien der Künstler, ohne einordnende kunstgeschichtliche Erklärung, ohne (gesellschaftspolitischen) Hintergrund. All das gibt's ausschließlich am Anfang der Ausstellung. Auf 60 Monitoren laufen informative Filmdokumentationen zu jedem Jahr. - Eine spannende Abteilung, aber isoliert. Deshalb erlebt man die Kunst geradezu rabiat weggesperrt von ihren Produktions-Bedingungen und den Reibungen oder Verwobenheiten mit dem System. Dem Penck fehlt ausgerechnet hier der Kanzler - eine fragwürdige, wenn nicht inakzeptable didaktische Lösung. Der Katalog führt vor, wie die Ausstellungspräsentation durchaus hätte aussehen, wie sie hätte gelingen können: durch eine Vernetzung der beiden Bezugsebenen.

Eine Enttäuschung? Nicht durchgängig. Glücksmomente stellen sich beispielsweise bei der Wiederbegegnung mit eigenen Favoriten ein: Ernst W. Nay, Emil Schumacher, Ruprecht Geiger, Gerhard Richter, Andreas Gursky. Die Bestätigung des eigenen Geschmacks durch ein Kuratoren-Qualitätssiegel bereitet eben Vergnügen. Wie umgekehrt eine nicht nachvollziehbare Auswahl Widerspruch provoziert. Insbesondere die Sektion, die die Jahre 2000 bis 2009 repräsentiert, liefert Debatten-Zündstoff. Wer wird da wohl Bestand haben? Tilmans, Neo Rauch, Daniel Richter. Aber Wasmuth, Metzel, Baumgartner? Nein, unbeteiligt lassen einen "60 Jahre. 60 Werke" nicht. Es ist nicht das Schlechteste, was sich über eine Schau sagen lässt.



Bis 14. Juni. Berlin, Martin Gropius Bau. Jeden Tag um 15 Uhr gibt es eine kostenlose "Besucherschule" mit dem bekannten Kunsttheoretiker und Kurator Bazon Brock.

Am Katalog (Wienand) hat der Saarbrücker Kunsthochschul-Professor Matthias Winzen mitgewirkt (Interview folgt).