Wen liebte Goethe?

Wen liebte Goethe?

Weimar. Gespannt drängten sich Wissenschaftler, Journalisten und Fotografen am Freitag im Weimarer Goethe-Institut. Endlich sollte es eine Antwort auf die Frage geben, ob der Dichter Johann Wolfgang von Goethe und die Weimarer Herzogin Anna Amalia sich heimlich liebten - oder nicht

Weimar. Gespannt drängten sich Wissenschaftler, Journalisten und Fotografen am Freitag im Weimarer Goethe-Institut. Endlich sollte es eine Antwort auf die Frage geben, ob der Dichter Johann Wolfgang von Goethe und die Weimarer Herzogin Anna Amalia sich heimlich liebten - oder nicht. Angeblich sollten Briefe, die Caroline Reichsgräfin Görtz an ihren Mann geschrieben hatte, die Liaison untermauern. Dies behauptet der von Germanisten als Außenseiter belächelte italienische Sachbuchautor EttoreGhibellino. Liebte Goethe seine Herzogin Anna Amalia? Es gibt Indizien, keine Beweise.

Unter Blitzlichtgewitter präsentieren Forscher der von Ghibellino extra gegründeten "Anna Amalia und Goethe Akademie" Textstellen aus der 5000 Briefe umfassenden Korrespondenz der Görtz-Eheleute. Doch am Ende räumt der Historiker Stefan Weiß ein, dass eine Liebesaffäre zwischen Goethe und Anna Amalia wohl Spekulation bleiben muss. "Das eine Zitat, das die Beziehung belegt, gibt es nicht", bekennt der Geschichtswissenschaftler Norbert Leithold.

Ghibellino hatte 2003 ein Buch veröffentlicht, in dem er erstmals behauptete, dass Goethe und die zehn Jahre ältere Anna Amalia ein Liebespaar waren. Jochen Golz, Präsident der Goethe-Gesellschaft, sprach von einer "fantasievollen Spekulation". "Wenn Ghibellino sein Buch als historischen Roman ausgegeben hätte, wäre nichts dagegen einzuwenden." Auch Christoph Schmelzer von der Klassik Stiftung Weimar bescheinigte der Hypothese eine hohe Attraktivität, die aber nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung nicht zu belegen sei. "Goethes Leben ist geradezu minuziös erforscht." Mehrere Historiker und Germanisten forschen seit Mai an der Akademie, um Beweise für eine Beziehung zwischen dem deutschen Dichter und der Herzogin zu finden. Graf Eustachius Görtz - einstiger Prinzenerzieher in Weimar, außenpolitischer Berater von Herzog Carl August und späterer Diplomat des preußischen Königs in St. Petersburg - und seine Frau seien glaubwürdig.

In ihren Notizen habe Caroline Görtz nur verschlüsselt über die Affäre geschrieben. Der Germanist Golz gibt zu bedenken, dass diese oft launigen Kommentare in Bezug auf Goethe und Anna Amalia von Caroline Görtz Machtkämpfe am Hof nicht berücksichtigen. Auch Germanistin Ilse Nagelschmidt von der Akademie verweist auf die Gefahren beim Spiel mit Begriffen: "Wir müssen aufpassen, um nicht mit der Semantik der Gegenwart in die Textquellen des 18. und 19. Jahrhunderts zu gehen." 2009 will Ghibellino auf einer Tagung weitere Belege für seine These vorlegen. Sollte sie sich bewahrheiten, müssten nicht nur die Biografien von Goethe und Anna Amalia neu geschrieben werden.