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Was tun, wenn es langsam, aber stetig bergab geht?

Der 1945 entstandene, nun neu aufgelegte Roman „Ein Sonntag auf dem Lande“ breitet einen Tag auf einem französischen Landgut aus. Es passiert scheinbar nichts – doch eigentlich sehr viel. cis

"Das Alter ist ein sanfter Abhang", schrieb Pierre Bost gleich auf der zweiten Seiten seines letzten Romans, den er 1945 veröffentlichte, um sich danach - seine enorme Produktivität in den Jahrzehnten zuvor in den Wind schlagend - ganz von der Literatur abzuwenden und nur noch als Drehbuchautor zu arbeiten. Tatsächlich ist dieses kleine Romanjuwel selbst wie ein sanfter Abhang gebaut, auf dem seine Hauptfigur langsam, doch ahnungsvoll seinem Ende entgegen gleitet. Bis zuletzt wird nichts wirklich passiert sein, jedoch der von Bost so kunstvoll eingefangene Stillstand ("so schön war dieses Licht des Sommers, dieser trockene Belag von strahlenden Farben im ganzen Garten") sich als Vorbote des Endgültigen erwiesen haben.

Bost (1901-1975) breitet in "Ein Sonntag auf dem Land" - 1984 von Bertrand Tavernier verfilmt und allenfalls daher heute noch ein Begriff - einen einzigen Sonntag auf einem außerhalb von Paris gelegenen Landgut aus, auf dem der Witwer Urbain Ladmiral (76) mit seiner Haushälterin lebt. Er ist ein von der Moderne an den Rand gedrängter impressionistischer Maler, der nie ein Genie war, aber sich durch solides Handwerk einen Namen erwarb. In einem schwarz gerippten Samtanzug, den er seit 50 Jahren sonntags trägt, empfängt Monsieur die pflichtschuldig wie so oft aus Paris angereiste Familie seines ungeliebten Sohnes: Den Alten stößt ab, dass Edouard - der seinen Vater seit Jahren zu kopieren versucht - seine Unterwürfigkeit nie abgelegt hat. Seine blasse Schwiegertochter ignoriert er nach Kräften - umso ergebener ist er seiner ungleich temperamentvolleren Tochter Irène, die sich im Haus ihres Vaters rar macht. An diesem Sonntag aber schneit sie in die gepflegte Routine hinein, verdreht dem Vater den Kopf und lässt ihn umso einsamer zurück.

Mit welcher Eleganz und Dezenz Bost dieses in die Jahre gekommene bourgeoise Beziehungsgeflecht zerpflückt, ist lesenswert. Wie er mit wenigen Strichen offenbart, wes Geistes Kinder der sich selbst knebelnde Edouard und seine Mireille sind, ist große Kunst im Kleinen: "Sie werfen denjenigen, die es verstanden haben, solche Ketten zu vermeiden, nicht vor, dass es ihnen gelungen ist, sich zu befreien. Aber sie wollen nicht, dass sie auch noch glücklich sind." Viel Menschenkenntnis spricht aus diesem Roman. Ebenso wie stilistische Reife. Bost setzt seine Akzente sparsam, aber sehr effektiv ein: Er muss nichts dick auftragen, um seinem bürgerlichen Genrebild Tiefe zu verleihen. Zu hoffen ist, dass der kleine Zürcher Verlag Dörlemann, der Bosts "Mr. Ladmiral va bientôt mourir" 68 Jahre nach dessen Erscheinen nun in deutscher Erstausgabe herausgebracht hat, weitere Romane Bosts folgen lässt.

Pierre Bost: Ein Sonntag auf dem Lande. Aus dem Französischen von Rainer Moritz. Dörlemann Verlag, 158 S., 16,90 Euro.