Was man wohmannisieren nannte: Die Darmstädter Beharrlichkeit

Was man wohmannisieren nannte: Die Darmstädter Beharrlichkeit

Darmstadt. Die ganz großen Tage der Schriftstellerin Gabriele Wohmann liegen eine Weile zurück. Vor 25 Jahren fanden ihre Bücher nicht nur reißenden Absatz, sondern wurden in den Feuilletons zumeist großformatig abgefeiert. "Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich nicht gut

Darmstadt. Die ganz großen Tage der Schriftstellerin Gabriele Wohmann liegen eine Weile zurück. Vor 25 Jahren fanden ihre Bücher nicht nur reißenden Absatz, sondern wurden in den Feuilletons zumeist großformatig abgefeiert. "Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich nicht gut. Schreiben ist auch eine Gewohnheit, auch wenn es stimmt, dass ich ohne Schreiben wohl nicht atmen könnte", meinte sie vor ein paar Jahren in einem Interview.Diese Gewohnheit betreibt sie mit immer noch kaum versiegendem Eifer. Allein in den letzten 25 Jahren hat sie 20 Bücher mit einem kapitalen Gesamtumfang von mehr als 5500 Seiten veröffentlicht. Sie selbst nannte sich einmal eine "Graphomanin". Einen beträchtlichen Teil ihrer Manuskripte, Handschriften und Korrespondenzen hat sie 2005 dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach überlassen.

Wohmann, am 21. Mai 1932 als Tochter eines Pfarrers in Darmstadt (wo sie heute noch lebt) geboren, arbeitete nach dem Musik- und Germanistikstudium kurz als Lehrerin, ehe sie sich ganz der Literatur widmete und eines der jüngsten Mitglieder der legendären Gruppe 47 wurde. Literarischen Moden hat sie sich hartnäckig widersetzt, sie blieb eine traditionelle, dem Realismus verpflichtete Erzählerin. Ihre Werke sind meist in einem "spätbürgerlichen" Milieu angesiedelt. Vermeintlich kleine Katastrophen im Zwischenmenschlichen; die Vereinsamung des Einzelnen; abrupte Veränderungen im Alltag oder schmerzliche Verluste (so in einem ihrer besten Bücher, "Frühherbst in Badenweiler" von 1978) - dies sind ihre Sujets.

Als dem Realismus verpflichtete Vielschreiberin, die ihre Romane in einem spätbürgerlichen Milieu ansiedelte, hat Gabriele Wohmann eine breite Leserschaft gefunden, zuletzt als Epigonin ihrer selbst. Foto: dpa.

Doch Wohmann hat nicht nur in gutbürgerliche Wohnstuben geschaut und deren Tragödien beleuchtet (man sprach in diesem Zusammenhang sogar vom "wohmannisieren"), sie hat auch auf gesellschaftlich-politische Problemfelder (Umweltzerstörung, Golfkrieg, Wiedervereinigung, Alkohol- und Tablettenmissbrauch, Patchwork-Familien) aufmerksam gemacht. Unübersehbar ist aber auch, dass sie zuletzt zur Epigonin ihrer selbst wurde. Das Schreiben ist ihr tatsächlich allzu sehr zur Gewohnheit geworden. Nein, mit dem Büchnerpreis (der neue Preisträger wird heute bekanntgegeben) wird das wohl nichts mehr. pmo

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