| 20:21 Uhr

Was gibt's beim Neuen Neues?

Das Nadar Ensemble mit "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel) ist chromatisch". Fotos: Astrid Karger
Das Nadar Ensemble mit "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel) ist chromatisch". Fotos: Astrid Karger
Donaueschingen. Die heimliche Hauptrolle spielte diesmal die E-Gitarre. Einmal als Ausdruck des Festival-Mottos: Die Spannung und die fließenden Übergänge zwischen Mensch und Maschine, Virtualität und Realität, analog und digital wurden ausgelotet. Die E-Gitarre war das Brückenglied zwischen echten Instrumenten und elektronischen Klängen Von SZ-Mitarbeiterin Wibke Gerking

Donaueschingen. Die heimliche Hauptrolle spielte diesmal die E-Gitarre. Einmal als Ausdruck des Festival-Mottos: Die Spannung und die fließenden Übergänge zwischen Mensch und Maschine, Virtualität und Realität, analog und digital wurden ausgelotet. Die E-Gitarre war das Brückenglied zwischen echten Instrumenten und elektronischen Klängen. Vor allem aber passte die E-Gitarre zum Geist des Rock'n'Roll, der seit langer Zeit wieder mal über dem Festival schwebte.Schon beim Eröffnungskonzert wurden Instrumente zertrümmert - in guter alter Tradition von Rockbands wie The Who. Auch dem Komponisten Johannes Kreidler ging es um Protest, wie einst den großen Briten: Indem er vor der Nase des SWR-Intendanten Peter Boudgoust eine Geige und ein Cello zertrat, setzte er ein Zeichen gegen die geplante Fusion der beiden SWR-Sinfonieorchester. Eines davon, das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, ist das Hausorchester der Donaueschinger Musiktage. So war die Fusion natürlich ein Dauerthema: Protestaktionen von Musikern und Studenten begleiteten fast jedes Konzert. Das begann bei Grabkreuzen vor allen Eingängen zu den Konzerthallen, die an all die deutschen Kulturorchester gemahnten, die bereits einer Fusion zum Opfer gefallen sind; es endete mit einer Schweigeminute und anschließenden Protestrufen ("Für die Musik! Für die Kultur!") beim Abschlusskonzert.

Auch künstlerisch tat sich Revolutionäres, vor allem in Gestalt dreier junger spannungsgeladener Ensembles - eine Frischzellenkur für das Festival. Eine Entdeckung war vor allem das Ensemble Nikel aus Israel. Die vier Männer Anfang 30 spielen Saxofon, Klavier, Schlagzeug und - natürlich - E-Gitarre, also eine Besetzung, die jazz- und rocktauglich wäre. Dass E-Gitarrist und Mitbegründer des Ensembles, Yaron Deutsch, mal in einer Fusion-Band gespielt hat, hört man: Wenn er in die Saiten greift und der Rest der Band alles gibt, groovt der Saal. Mit Leichtigkeit bringen die Vier Elemente der U-Musik und der Neuen Musik zusammen.

Die Trickkiste bleibt zu

Das funktionierte nicht nur bei einem extrem rockigen, virtuosen Stück von Michael Wertmüller, sondern auch beim zurückhaltenderen Clemens Gadenstätter, der frappierend neue und frische Klangmischungen aus der klassischen Formation herausholte - all das, ohne in die Trickkiste des Computers zu greifen. Wer das gehört hat, fragt sich nicht mehr, ob zeitgenössische Musik eine Zukunft hat: Hier hat sie bereits begonnen.

Das Ensemble Nadar geht einen völlig anderen Weg: Hier spielt der Computer eine große Rolle. Und mal wieder wurde bewiesen, dass aufwändige Technik allein noch keine gute Musik macht. "Generation Kill" hieß das Werk von Hermann Prins, das optisch mit Überblendungen von echten Musikern und Musiker-Videos einiges hermachte. Musikalisch aber klang es wie ein hoch technisierter Flipperautomat.

Dass man Technik auch sinnvoll einsetzen kann, zeigte Johannes Kreidler mit "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel) ist chromatisch". Mit Fremdsamples, ein paar klug eingesetzten Videos und echten Instrumenten zauberte er feinstes Ohrentheater. Obwohl nicht alle Stücke gut waren im Konzert seines Nadar Ensembles, überzeugte der Wille der Musiker, alles anders zu machen - vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie Musik und Bild, Avantgarde und Alltagskultur, computergeneriertes und Menschliches mischten.

Mehr Rock'n'Roll - oder eigentlich schon Anarchismus - gab es beim norwegischen Ensemble asamisimasa, vor allem in Gestalt des Werks des norwegischen Komponisten Trond Reinholdtsen. Der lieferte eher eine Theaterperformance als Musiktheater - und vor allem eine beißende Kritik am zeitgenössischen Musik-Establishment. Das begann mit einer Parodie auf belehrende Programmheft-Texte: Zum Ticken zweier Metronome lieferte er den Kommentar "Achten Sie hier eher auf die rhythmische Struktur als auf die semantische Bedeutung"; er stimmte ein Loblied auf Festivalleiter Armin Köhler an, da er mit seiner Einladung Reinholdtsens Karriere befördert hätte. Es endete in einem Puppentheater-Inferno, in der Karl Marx und Jean-Paul Sartre zur Revolution aufriefen. Selten hat man in Donaueschingen so gelacht wie ein diesem Stück, das mehr Satire als Musik enthielt.

Nur wenige Altmeister kamen zu Wort, Beat Furrer etwa oder Martin Smolka, die mit ausgereiften, gut gemachten Stücken überzeugten. Doch der eigentliche Reiz dieses Festivals war die Heterogenität, das aufregend Neue, das Gärende, das noch nicht Fertige, kurz: Zukunft und Versprechen - ein Festival am Puls der Zeit.

Yaron Deutsch vom Ensemble Nikel aus Israel spielte auch mal mit der Softdrink-Dose Gitarre.
Yaron Deutsch vom Ensemble Nikel aus Israel spielte auch mal mit der Softdrink-Dose Gitarre.
Das Nadar Ensemble mit "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel) ist chromatisch". Fotos: Astrid Karger
Das Nadar Ensemble mit "Der 'Weg der Verzweiflung' (Hegel) ist chromatisch". Fotos: Astrid Karger
Yaron Deutsch vom Ensemble Nikel aus Israel spielte auch mal mit der Softdrink-Dose Gitarre.
Yaron Deutsch vom Ensemble Nikel aus Israel spielte auch mal mit der Softdrink-Dose Gitarre.