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Warum unser Land Grund zum Feiern hat

Saarbrücken. Die Bundesrepublik hat heute Geburtstag. Vor 60 Jahren startete das kriegszerstörte Land mit der Verabschiedung des Grundgesetzes in eine neue Ära. 60 Jahre, das ist fast ein Menschenleben. Im historischen Maßstab ist es ein Wimpernschlag Von SZ-Redakteur Bernard Bernarding

Saarbrücken. Die Bundesrepublik hat heute Geburtstag. Vor 60 Jahren startete das kriegszerstörte Land mit der Verabschiedung des Grundgesetzes in eine neue Ära. 60 Jahre, das ist fast ein Menschenleben. Im historischen Maßstab ist es ein Wimpernschlag. Dennoch eignet sich diese friedliche Periode deutscher Geschichte für eine Bilanz - die positiver ausfällt, als es manchem kritischen Bürger bewusst sein mag. Die wichtigste Erkenntnis scheint trivialer Natur: Die Deutschen haben wieder eine Identität, die sie selbstbewusst formulieren können. Sie sind innerlich wieder frei, die nationalsozialistische Erblast ist nicht vergessen, aber sie drückt nicht mehr aufs Gemüt. Die junge Generation lebt im Hier und Jetzt, in einer der modernsten und reichsten Nationen der Erde. Und das ist vielleicht das größte Wunder: Deutschland 60 Jahre nach der Apokalypse ist, trotz aller Probleme, ein blühendes Land geworden. Ein Land, das sich international Anerkennung und Respekt erworben hat. Ein Land, das zwar nicht mehr ganz das "Land der Dichter und Denker" ist, aber nach wie vor ein Volk der Ideen, des Fleißes, der Disziplin, der Ordnung - der typisch deutschen Sekundärtugenden eben. Darauf kann man, darauf darf man durchaus auch stolz sein. Nun sind wir indes nicht nur ein Volk der Malocher, der Ingenieure, Beamten und Künstler; wir sind auch ein Volk der Halbzufriedenen, ein bisschen nörglerisch veranlagt. Wir schielen gern nach Amerika, finden Paris und Rom faszinierend, fahren nach Spanien und Griechenland in Urlaub. Positiv gesehen sind wir weltoffen und tolerant, negativ betrachtet mäkeln wir gern über dies oder das, ärgern uns über "die Politik", die hohen Steuern und Abgaben, die Regelungswut der Bürokraten, nicht wenige auch über "die vielen Ausländer", die das Land sukzessive (multi-)kulturell verändern. Zu selten reflektieren wir die enorme Leistung, das lange geteilte Land mit seiner sanften Revolution der ostdeutschen Bürger wieder vereint zu haben. Aus wahrhaftigen Trümmern in relativ kurzer Zeit eines der am besten funktionierenden Gemeinwesen weltweit gezimmert zu haben. Deutschland 2009, das ist der Exportweltmeister, das ist Hightech, das ist sportliche und kulturelle Spitze, Freiheit in beachtlicher Form, Rechtsstaat und Demokratie. Gewiss gibt es Grund, über die Massenarbeitslosigkeit zu klagen, über soziale Schieflagen, über ein nicht wirklich optimales Bildungssystem und manches andere. Doch was und wie wir tatsächlich sind, beschreibt wunderbar die eingebürgerte Deutsch-Türkin Mely Kiyak in der "Frankfurter Rundschau". Sie beantwortet die Frage, warum Deutschland "ein gutes Land" ist, so: "Es sind die Meere im Norden und die Berge im Süden. Es sind die verschiedenen Dialekte. Die vielen Museen und Theater. Die Konzertsäle. Die Zeitungen. Die Bibliotheken. Die Parlamente. Die botanischen Gärten. Die Jahrmärkte. Die Biergärten. Die ordentlich gekachelten Hallenbäder. Die Kultur des Verhandelns." Keine Frage: Deutschland ist nach 60 Jahren "angekommen". Vom Ausland oftmals bewundert, manchmal gefürchtet wegen seiner Potenz und Prägnanz, sind wir heute akzeptiertes Mitglied der Völkerfamilie, nunmehr auch bereit, bei der militärischen "Drecksarbeit" in Afghanistan, auf dem Balkan oder sonstwo zu helfen. Anlass zur Selbstzufriedenheit besteht indes nicht. Doch wenn wir (noch) mehr in unsere einzige Ressource Bildung investieren und die soziale Teilhabe im Innern stärken, dann hat das Land auch für die nächsten 60 Jahre eine gute Zukunft.