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Pressestimmen
Warum Nawalny ein Beispiel ist

Die „Frankfurter Rundschau“ meint zur abgelehnten Präsidentschaftskandidatur von Alexei Nawalny:

Alexei Nawalny (...) hat es zum Angstgegner des Kremls gebracht, aber gerade deshalb lässt die Staatsmacht ihn nicht mitspielen bei der Präsidentschaftswahl im März. Der Kreml befürchtet wohl kaum, dass Nawalny Wladimir Putin die Mehrheit streitig machen könnte. Aber Nawalny würde wohl auch als Wahlkämpfer das ungeschriebene Regelwerk der politischen Kultur ignorieren: Kritisiere, aber kritisiere leise! Stelle den Übervater dabei auf keinen Fall infrage! Und rufe vor allem deine Anhänger nicht auf die Straße!


„Die Welt“ (Berlin) rät dem Westen, sich an Nawalny ein Beispiel zu nehmen:



Am ersten Weihnachtsfeiertag wurde der einzig relevante Oppositionelle von Russlands Präsidentschaftswahl ausgeschlossen. Am selben Tag taucht ein russisches Aufklärungsschiff vor Großbritannien auf. Zwei Ereignisse, die eine Botschaft transportierten: „Legt euch nicht mit Wladimir Putin an.“ Einschüchterung nach innen, Einschüchterung nach außen. Alexej Nawalny lässt sich nicht einschüchtern. Der Oppositionelle weiß: Nur, wer standhaft ist, hat eine Chance.(...) Das können, das müssen die Länder des Westens von Nawalny lernen.

Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg) beschreibt das Dilemma im Umgang mit der Türkei:

Soll man zum Schicksal von Deniz Yücel und den anderen tausenden politischen Gefangenen schweigen, um weitere Freilassungen nach Gutsherrenart zu begünstigen? Oder sollen Erdogan und die Seinen jetzt erst Recht an den Pranger gestellt werden (...)? Das eigentliche Problem: Jahrzehntelang wurde die Türkei aus Europa ferngehalten, weil sie ein moslemisch geprägter Staat ist. Jetzt wird sie zur Diktatur und als Partner im großen Anti-Flüchtlings-Deal gebraucht. Europa fällt seine eigene Arroganz auf die Füße.

Die „Passauer Neue Presse“ widerspricht dem Forscher Horst Opa­schowski, der aus Umfragen über die Stimmung der Deutschen auf ein „Unzufriedenheitsparadox“ einer reichen Gesellschaft schließt:

Der Anteil derer, die optimistisch in die Zukunft schauen, bleibt mit 19 Prozent ja gleich. Der wachsende Anteil der Skeptiker – 45 Prozent – kommt dagegen den 40 Prozent einer anderen Studie verdächtig nahe, die sich von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt fühlen. Ist es also eher die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, die das Gefühl der Unzufriedenheit schürt, als die Blasiertheit der allzu Satten? Statt von „Unzufriedenheitsparadox“ spräche man dann besser von Gerechtigkeitslücke.