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Leitartikel
Ein Weltkrieg, so fern – und doch so nah

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Der Krieg, der vor 100 Jahren in Europa endete, verschwindet immer mehr aus dem Bewusstsein der Menschen. Er ist eine Sache von vermoosenden Denkmälern, Traditionsvereinen und inszenierten Veranstaltungen geworden. Von Werner Kolhoff

Es ist der Krieg der Groß- und Urgroßväter, viel weiter vorn im Geschichtsbuch als der Zweite Weltkrieg.


Dabei ist gerade der Erste Weltkrieg der heutigen Zeit in gewisser Weise viel näher. Was den Zweiten Weltkrieg auslöste, der Rassenwahn der Nationalsozialisten, ihr Ziel der Eroberung und Versklavung anderer Völker, ist zwar nicht für alle Zeiten aus dem Arsenal möglicher Abartigkeiten der Menschheit verschwunden. Aber angesichts der Globalisierung doch sehr unwahrscheinlich geworden.

Beim Nationalismus, der den Ersten Weltkrieg auslöste, sieht das ganz anders aus. Gerade weil alles schon so lange zurückliegt, glaubt man, sich den gleichen Fehler nun zum zweiten Mal leisten zu können. Der Nationalismus hält sich wieder für modern. Und viele Naivlinge folgen ihm.



Die politische Lehre des Ersten Weltkriegs war der Völkerbund, die des Zweiten zusätzlich die Europäische Union. Also die Kooperation der Staaten. Doch die Nationalisten der heutigen Zeit sagen wieder: Mein Heimatland zuerst. Das ist nicht harmlos, wie man an dem Hass sieht, der zwischen Russen und Ukrainern entstanden ist. Oder an Trumps Handelskriegen. Die wachsenden Reibereien unter den Staaten Europas gehören ebenso dazu. Der Hochmut im Norden gegen die Griechen etwa. Polens (und Griechenlands) Versuch, das 75 Jahre alte Thema der Reparationen wieder zu instrumentalisieren. Und die Frechheiten der italienischen Populisten gegenüber allen Partnern in Europa. Nationalisten werden schon von ihrer Natur her niemals eine Internationale bilden. Sie werden die Länder nur in neue Konfrontationen führen.

Der Erste Weltkrieg war die Mutter der modernen Kriegsführung. Wer jemals die noch heute von Granattrichtern zerfurchten Wälder von Verdun gesehen hat, bekommt ein Gespür für die Gewalt der Waffen und der Gewissenlosigkeit der Befehlshaber, die ihren Einsatz anordneten. Allein in Verdun starben in nur sechs Monaten in einer absolut sinnlosen Schlacht fast 300 000 Soldaten beider Seiten. Im Beinhaus von Douaumont sind sie eine unterschiedslose Knochenmasse geworden. Junge Männer, die, würden sie heute leben, mit ihren Selfies in den sozialen Medien posieren und sich auf die Zukunft freuen würden. Franzosen und Deutsche.

Im Zweiten Weltkrieg wurden diese Waffen dann auch gegen die Zivilbevölkerung gerichtet. Heute zielen sie praktisch nur noch auf sie. Und sie werden immer mehr, immer ausgefeilter und immer vernichtender. Abrüstung ist das zweite große Thema neben der internationalen Verständigung. In Verdun und an den anderen Orten des damaligen Gemetzels ist noch heute zu sehen, was richtig ist im Verhältnis der Völker. Und was vollkommen falsch.