Warum Bauch und Kopf Tag und Nacht miteinander plaudern

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesund leben : Warum Bauch und Kopf Tag und Nacht miteinander plaudern

Über den Vagusnerv wird das Gehirn ständig über die Abläufe im Darm informiert. Nur zehn Prozent dieser Nachrichten dringen in unser Bewusstsein.

(ml) Der Zustand unseres Magen-Darm-Traktes spiegelt unsere Emotionen wider. Magen und Darm ziehen sich beispielsweise schmerzhaft zusammen, wenn wir wütend sind. Wer verliebt ist, hat Schmetterlinge im Bauch. Fühlen wir uns niedergeschlagen, stellt der Darm seine Aktivität ein.

Über den Vagusnerv, einen dicken Nervenstrang, der den Körper vom Darm bis ins Gehirn durchzieht, steht die große Mehrheit der Darmzellen und auch der Darmbakterien mit dem Gehirn in ständigem Informationsaustausch. Fließen keine Informationen mehr, wird das emotionale Erleben offenbar beeinträchtigt.

Als Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich bei Ratten den Vagusnerv durchtrennten, änderte sich das Verhalten der Tiere. Auf Situationen, die normalerweise Angst auslösen, reagierten die Ratten, deren Bauchgefühl abgeschaltet war, plötzlich völlig furchtlos. Forscher der Universität Cork in Irland durchtrennten bei Mäusen den Vagusnerv. Tiere, die vorher quirlig und neugierig waren, wurden nun ängstlich und zogen sich zurück.

Die Nervenzellen des Darms sitzen in der Darmschleimhaut. Sie haben allerdings keinen direkten Kontakt zum Darminhalt. Damit sie dennoch registrieren können, was im Darm abläuft, sind sie auf Informationen der endokrinen Zellen in der Darmschleimhaut angewiesen. Deren eines Ende ist dem Inneren des Darms zugewandt. Die endokrinen Zellen enthalten verschiedene Botenstoffe, die sie freisetzen, wenn sie im Darm bestimmte Reize bemerken.

Aus diesen Botenstoffen ziehen die sensorischen Nervenfasern, vor allem diejenigen des Vagusnerv, wichtige Informationen über die Zustände im Darm und übermitteln sie ans Gehirn. „Bisher hat man zahlreiche verschiedene sensorische Neuronen entdeckt, die jeweils auf bestimmte Moleküle aus den endokrinen Zellen reagieren“, sagt der Darmforscher Professor Dr. Emeran Mayer aus Los Angeles.

Einer dieser Botenstoffe ist Serotonin, das eine wichtige Rolle beim Verdauungsprozess spielt. Bei der Verdauung ziehen sich die Muskeln der Darmwand rhythmisch zusammen und bewegen dadurch den Nahrungsbrei vorwärts. Diesen Vorgang nennt man Peristaltik. Reibt sich der Darminhalt an den winzigen Ausstülpungen der endokrinen Zellen in der Darmwand, wird Serotonin freigesetzt. Das Hormon aktiviert die sensorischen Nervenenden, wodurch der Peristaltik-Reflex in Gang gesetzt wird.

Es hat sich herausgestellt, dass das Gehirn die Produktion von Hormonen im Darm steuern kann, indem es Signale an verschiedene Darmzellen schickt. Allerdings regelt der Darm die meisten seiner Aktivitäten ohne das Kopfhirn. Dennoch übermittelt der Vagusnerv ständig eine große Menge von Darmempfindungen ans Gehirn. „In die umgekehrte Richtung fließen aber nur zehn Prozent des Verkehrs“, sagt Emeran Mayer. Von den Sinneseindrücken, die das Nervensystem im Darm pausenlos sammelt, nehmen wir über 90 Prozent nicht bewusst wahr.

Das „zweite Gehirn“ steuert die Abläufe im Darm überwiegend unbemerkt. Dazu informiert es sich über die Menge der Nahrung im Magen, die Größe und Konsistenz der Bissen, die chemische Zusammensetzung des Essens und auch die Beschaffenheit und Aktivität der Darmmikroben. Von diesen Informationen hängt es ab, ob der Speisebrei schnell oder langsam durch Magen und Darm gepumpt wird und wie viel Säure und Galle zugesetzt werden.

Serotonin spielt aber auch eine Rolle, wenn wir uns den Magen verdorben haben. Die Sensoren im Darm entdecken nämlich auch Parasiten, Viren, Bakterien oder Toxine und sie registrieren Entzündungsreaktionen der Darmzellen. Bei einer Lebensmittelvergiftung zum Beispiel, die auf Kolibakterien zurückgeht, dockt das giftige Stoffwechselprodukt (Toxin) dieser Bakterien an den serotoninhaltigen Zellen im Dünndarm an. Dadurch wird Serotonin in großen Mengen freigesetzt. Diese Überdosis ist der Startschuss zu heftigem Erbrechen und Durchfall, um Magen und Darm schnell zu entleerten.

Nicht nur die endokrinen Zellen sind an der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn beteiligt, auch das Immunsystem des Darms mischt dabei mit. Die Immunzellen des Darms sind verstreut in den Wänden von Dünn- und Dickdarm zu finden, es gibt aber auch Ansammlungen. Immunzellen nehmen ebenfalls wahr, was im Darminneren vor sich geht, was die Darmbakterien treiben oder ob schädliche Keime vorhanden sind. Auch die Immunzellen produzieren Botenstoffe, die Zytokine, die Informationen ans Gehirn weiterleiten.