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Autor und Provokateur
Trauer um Literatur-Nobelpreisträger V.S. Naipaul

Für sein Schreiben gefeiert, wegen seines Charakters oftmals gemieden: Der Schriftsteller und Provokateur V.S. Naipaul ist tot. Mit seinen Werken zog er gleichermaßen Bewunderung wie Ablehnung an.

Seine Familie teilte am späten Samstagabend mit, der 85 Jahre alte Romanautor sei in seinem Londoner Zuhause gestorben. Die Frau des Schriftstellers, Nadira Naipaul, erklärte, ihr Mann sei ein Riese in allem gewesen, was er erreicht habe. Er habe ein Leben voller wunderbarer Kreativität und Streben geführt. Naipaul gilt als einer der größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Vor Kritikern war er dennoch nicht gefeit.


In einer mehr als 50 Jahre währenden Karriere entwickelte sich der Schriftsteller von einem selbst beschriebenen „Barfüßigen aus der Kolonie“ aus dem ländlichen Trinidad hin zum Mitglied der Oberklasse in England. Naipaul erhielt die begehrtesten Literaturpreise und 1990 den Adelstitel. Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul wurde 1932 in Trinidad als Nachkomme verarmter Inder geboren, die als Zwangsarbeiter auf die Westindischen Inseln verschifft worden waren.

Geprägt von seinem Vater, einem Schriftsteller ohne Chancen, entschied Naipaul, seine Heimat so schnell wie möglich zu verlassen. Trinidad beschrieb er später als etwas, das kaum mehr als eine Plantage sei: „Ich wurde da geboren, ja. Ich habe gedacht, das war ein großer Fehler“, sagte er einst in einem Interview.



Naipaul studierte in Oxford und veröffentlichte seinen ersten Roman, „Der mystische Masseur“, 1957. Er schrieb Dutzende Romane, die meisten handelten von der Zeit des Kolonialismus und dessen Erbe. Oder von den Herausforderungen eines jeden in einer sich ständig entwickelnden Welt. 2001 bekam er den Literatur-Nobelpreis. Die Jury erklärte damals, Naipaul habe „einfühlsame Erzählung und unbestechliche Auseinandersetzung in Werken vereint, die uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichten zu sehen“.

Während sein Schreibstil als einfühlend beschrieben wurde, mit Blick auf Mittellose und Vertriebene, schreckte der Autor selbst viele durch sein arrogantes Verhalten und seine Witze über frühere Glieder des British Empire ab. Zu seinen bekanntesten Kommentaren gehört etwa, dass er Indien als „Sklavengesellschaft“ bezeichnete oder Afrika jegliche Zukunft absprach. Den farbigen Punkt auf der Stirn einer indischen Frau, Bindi, erklärte er damit, dass die Frau sagen wolle, ihr Kopf sei leer.

Autor Salman Rushdie lachte er für die iranische Fatwa 1989 aus. Das gegen Rushdie ausgesprochene Todesurteil sei bloß eine „extreme Form literarischer Kritik“, sagte er. Jahre vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 beschäftigte sich Naipaul mit radikalem Islamismus. Seine Werke zogen oft Wut auf sich, seine Ansichten zum Islam und Indien verletzten viele. Rushdie etwa warf Naipaul vor, hinduistischen Nationalismus zu fördern.

Literaturkritiker Terry Eagleton sagte einmal über den Literatur-Nobelpreisträger, dieser schaffe großartige Kunst, seine Politik sei aber entsetzlich. Der ebenfalls aus Trinidad stammende Schriftsteller C. L. R. James beschrieb Naipauls Ansichten folgendermaßen: Er sage bloß das, was Weiße sagen wollten, aber sich nicht trauten, kundzutun.

Am Samstagabend twitterte Rushdie anerkennend, das ganze Leben lang hätten die beiden über Politik und Literatur gestritten, „und jetzt fühle ich mich, als hätte ich einen geliebten, älteren Bruder verloren“. Naipauls Freund, Autor Paul Theroux, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AP am Telefon, der Schriftsteller sei zuletzt nicht bei guter Gesundheit, aber stolz darauf gewesen, dass seine Werke anerkannt worden seien. Naipaul werde als einer der besten Autoren dieser Zeit in die Annalen eingehen.

(csi/dpa)