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Von Vergessen und Verlust

St Ingbert. In ihrem neuen Roman „Das Liebesgedächtnis“ erzählt Sibylle Knaus, die lange in St. Ingbert gelebt und gearbeitet hat, von Demenz und der großen Liebe. Der Literaturwissenschaftler und emeritierte Saarbrücker Germanistik-Professor Gerhard Sauder hat das Buch für uns gelesen.

Jeder Erzählanfang ist das Konzentrat des ganzen Romans. Für eines ihrer kürzesten Werke hat sich Sibylle Knauss einen furiosen Beginn ausgedacht: "Im Sommer zweitausendeins verliebte ich mich noch einmal und begann mein Gedächtnis zu verlieren." Kurz vor dem Ende des Romans, einer späten Liebesgeschichte, die von der Ich-Erzählerin Beate seit 2004 geschildert wird, erscheint auch ein vorgezogenes "Schlusstableau": "Das alte Paar ist von Weitem auf einem langen Pflegeheimflur zu sehen. Sie vielleicht im Rollstuhl, er neben ihr...". Der Roman kommt mit wenigen Figuren aus: mit Beate, ihrem namenlosen Liebhaber ("Protagonist"), und Emma, Beates Enkelin.

Beate hat einige Details von ihrer Autorin geerbt: Sie ist Schriftstellerin, Ende sechzig; 2004 ist ihr 13. Roman erschienen. Ihr Mann hat in diesem Jahr einen Schlaganfall erlitten, der ihn halbseitig lähmte. Ihre Enkeltochter Emma wurde geboren - über all das wollte sie später schreiben. "Aber was hieß später, wenn mein Gedächtnis sich langsam davon machte?" Längere Zeit schreibt sie nichts mehr - ihre familiären Pflichten verzehren ihre Kraft. Bei einem Kirchenbesuch entdeckt sie "ihn". Seine tiefe Stimme, die Augen, der Zauber, der von seiner Gegenwart ausging, nehmen sie gefangen. Man trifft sich anfangs alle dreieinhalb Wochen. Nach einem halben Jahr umarmt er sie zum ersten Mal.

Er war leitender Oberarzt und ist "ein frommer Mann". Sie werden ein Liebespaar, ihre alten Körper finden zueinander. Seine Frau ist gestorben; seine "konfessionelle Vergangenheit" macht ihm zu schaffen. Aber seine "Eignung für die Liebe" verdankt sich seiner Frömmigkeit.

Zwei Krankenhausaufenthalte des über Siebzigjährigen belasten die Liebesbeziehung. Er muss wiederholt künstlich beatmet werden. Ihr Ehemann stirbt im November 2003. Die Beerdigung und ihr 70. Geburtstag, den die Kinder arrangieren, sind die letzten großen Ereignisse ihres Lebens. Sie zieht in ein Heim mit "betreutem Wohnen". Er besucht sie täglich.

Bereits zu Beginn ihrer späten Liebe leidet sie unter der Schwäche ihres Personengedächtnisses. Eine "Mülldeponie, übervoll" nennt Beate ihr Gedächtnis, auf das kein Verlass mehr ist. Aber sie schreibt noch immer. Es soll ein Liebesroman werden, ein "Buch über die Liebe und das Vergessen und den Verlust", das den Menschen zu leben und beim Altwerden helfen soll. Ein Notebook, dem sie ihre Aufzeichnungen anvertraut, ist ihre Hoffnung. Als Kennwort wählt sie "Chateaubriand" in Anspielung auf dessen "Mémoires d'outre tombe".

Ein Erzähler übernimmt den letzten Teil, "Emma 2020". Die Enkelin ist gerade in Frankreich unterwegs, als ihr Vater sie anruft: ihre Großmutter sterbe. Sie trifft sie noch lebend an - nicht die Demente, die sie im Heim besucht hat, sondern die Frau, die sie einst gewesen ist. Auf ihrem Nachttisch steht das Notebook. Ihr Freund berichtet, dass sie immer wieder darin gelesen habe. Er besitzt eine Kopie ihrer Aufzeichnungen auf einem USB-Stick, den Emma erhält. In ihre goldene Uhr, die Emma zu Weihnachten geschenkt bekommt, hat sie das Kennwort "Chateaubriand" eingravieren lassen. Emma kann die Datei nun öffnen - es ist eine "richtige Liebesgeschichte". Die Enkelin wird das Vermächtnis nutzen, um eine Erzählung über den Tod einer alten Frau in einem Pflegeheim zu schreiben.

Sibylle Knauss greift mit jedem Roman ein brisantes Thema auf. Die Reflexion über das Demenz-Schicksal zeugt von großem Mut. Die Aufteilung des Textes auf mehrere Erzähler schafft Distanz.

Die Enkelin charakterisiert ihren "Sound" als "Stakkato von Kurzsätzen" - das war auch der Stil ihrer Großmutter. Ihr langsamer Tod als Autorin durch den "Absturz des Programms Bewusstsein" bleibt nicht ohne Rettung: Früh hat sie sich ja ihrem Notebook anvertraut, Kennwort: "Chateaubriand".

Sibylle Knauss: Das Liebesgedächtnis. Klöpfer und Meyer, 190 Seiten, 20 Euro. Lesung: Donnerstag, 19.30 Uhr, Stadtbücherei St. Ingbert (Kaiserstr. 71).