Von „Gegenorten“ und Gegenworten

Fast 50 Gedichte hat der in Bayreuth geborene und im Saarland aufgewachsene Autor Lothar Quinkenstein in einem neuen Bändchen versammelt. Sie führen uns in vergangene Zeiten.

Wer "Gegenorte" erfindet, hat an Orten gelebt und wer Gedichte schreiben will, sollte sich an Ort und Stelle umgesehen haben. Dem prosaischen Leben entnimmt der 1967 in Bayreuth geborene Lothar Quinkenstein den Stoff für seine Gedichte. In ihnen verdichten sich Erlebnisse und Gedanken zu einer intelligenten, zuweilen kritischen Poesie. Sie ist nicht rätselhaft sondern beziehungsreich, manch "Gegenort" wird zum Gegenwort, unser aller Vergangenheit wird zur Gegenwart. Fast 50 Gedichte versammelt er in einem Bändchen, das uns von Kindheitserinnerungen aus den 1970er Jahren in fortwirkende Vorvergangenheiten aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts führt.

Im "Spaziergang nach Grimma" ist es zum Beispiel ein neunzeiliger Gruß an Johann Gottfried Seume über 200 Jahre hinweg. "Missing Links" ist ein Gedicht überschrieben, in dem in "lothringen sonntags / vor dreißig Jahren / bei quiche lorraine vin de pays / vätergeschichten von schützengräben" an die Jugend des Autors im Saarland erinnern und wenige Zeilen später findet er im ehemaligen Konzentrationslager Posen "auf einem ernst-jünger-postwertzeichen / einen gustav-regler-sonderstempel abgedrückt".

"Auf einer Bahnfahrt durch Europa" begegnet ihm ein verruchter Buchtitel - "Von den Juden und ihren Lügen". Seine Gedanken verlieren sich in dem Thema und er liest "von der judensau an der traufe in wittenberg". Er liest "bis du am ziel in der stadt / die dich empfängt / mit schwimmbad und messe so schwer / schwer von gedrucktem / ist dein gepäck".

17 Jahre hat Quinkenstein in Polen gelebt, hat an der Universität von Poznañ Germanistik-Studenten unterrichtet. Heute lebt er in Berlin, nicht weit von Frankfurt/Oder - "nicht jedem fernen / niedlich heiteren lieblich weiteren / stets natürlichen aberklugen nungenugen / dem näheren / dem grenzbestückten /grenzbedrückten" - das heißt: nicht weit von jenem Polen, das in vielen seiner Gedichte anklingt. Aber er findet auch in diesem Gedicht seinen Gegenort: "am sonntag vor dem frühstück / übte eure tochter geige / (der mond ist aufgegangen) / fragte euer sohn / für welchen verein ich / saarbrücken er lachte / wann waren die denn in der Bundesliga?" Ganz stille Poesie, ohne die Beschwerungen des historisch belasteten Hirns, gelingt dem Dichter, wenn er sich erinnert wie in "Hirtentäschel", das mit einem zarten Fünfzeiler endet: "gewendetes heu / verworfene namen / und endlos wieder die wiesen / unter den wolken der lüftenden betten / im fenster des ersten ferientags."

Die Gedichtsammlung von Lothar Quinkenstein ist in der von Heinz Ludwig Arnold gegründeten Lyrikedition 2000 erschienen. Die verdienstvolle Reihe wird vom Land Hessen und von der Literaturwerkstatt Berlin unterstützt. Quinkenstein hat in dieser Edition mit ihrer hochkarätigen Poesie den richtigen Ort für seinen "gegenort" gefunden.

Lothar Quinkenstein: gegenort. Gedichte. Lyrikedition 2000, Allitera Verlag, 72 Seiten 12,50 Euro.

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