Vom „Reich Gottes auf Erden“

Vom „Reich Gottes auf Erden“

Die Kulturgeschichte des Christentums ist die Erzählung unserer Herkunft", schreibt Jörg Lauster, der in Marburg evangelische Theologie lehrt, einleitend über seine voluminöse Abhandlung "Die Verzauberung der Welt".

Dass sie den Untertitel "Eine Kulturgeschichte des Christentums" trägt, formuliert einen gewaltigen Anspruch. Der unbestimmte Artikel ist jedoch nicht von ungefähr gesetzt: Lausters erhellende, eloquente tour d'horizon leitet kein dogmatischer Anspruch. Vielmehr schließt die bergeweise Literatur auswertende Darstellung kontroverse, kirchengeschichtlich kritische Lesarten ein.

Für Lauster lässt sich die Kulturgeschichte des Christentums nicht zuletzt am Umgang der jeweiligen Epochen mit dem Erbe des Religionsstifters Jesus nachzeichnen. Er verkörperte den christlichen Traum von einer besseren Welt - das "Reich Gottes auf Erden", das, je länger es auf sich warten ließ, dann im Jenseits verortet wurde. "Am Anfang des Christentums stehen also ein gigantischer Anspruch und eine unerfüllte Hoffnung", schreibt Lauster. Denn: Das verheißene Reich Gottes ist nicht gekommen.

Das Wunder der Auferstehung Jesu, Lauster zufolge Geburtsstunde des Christentums, war der Funke, der in der christlichen Urgemeinde übersprang und sie zu formen begann. Es war diese Transzendental-Erfahrung, die neben Jesus' Botschaft der Nächstenliebe zunächst die Anziehungskraft der neuen Religion ausmachte und ihre Ausbreitung forcierte. Schon hier, bei der Beschreibung der Anfänge des frühen Christentums, zeigen sich die Vorzüge des kulturgeschichtlichen Ansatzes: Er bettet die religiösen Motive, Repräsentanten und Krisen ein in politische, philosophische und soziale Strömungen und gewinnt aus diesen Rückkopplungen plausible Einsichten. Etwa wenn er zeigt, dass dem von den Gnostikern seit dem 1. Jhr. n. Chr. propagierten Dualismus von Geist und Materie eine Form der Weltverneinung zugrunde lag, die für Christen verführerisch und gefährlich zugleich war.

Das Hin- und Hergerissensein zwischen Unmittelbarkeit und Enthusiasmus einerseits - Garant der Sittlichkeit und Begeisterungsfähigkeit der christlichen Bewegung - und Struktur und Vereinheitlichung (Dogma und Kalkül) andererseits zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Zugespitzter ließe sich vom Nebeneinander von aufrechter Gesinnung und krummen Geschäften (Ablasshandel, Kirchenbesitz) sprechen. Mit aller Macht drängte das Christentum nach Expansion und Mission und setzte nebenbei eine Kulturrevolution in Gang. Im Zeichen von Augustinus wurden Sexualität verteufelt und Askese gepredigt, gleichzeitig aber auch ein Programm sozialer Fürsorge entfaltet, "wie es die Welt bis dahin nicht gesehen hatte". Insoweit war die Konstantinische Wende von 312 - eine Zäsur in der Religionspolitik, an deren Ende das Christentum römische Staatsreligion wurde - Ausdruck der Attraktivität der christlichen Lehre am Ausgang der Antike.

Je stärker sich die neue Religion etablierte und politisch agierte, umso intoleranter und militanter wurde sie. Lauster spart die gravierenden Schattenseiten der Kirchengeschichte (von den Kreuzzügen über die Hexen- und Ketzerverfolgung und die Inquisition bis hin zu den neuzeitlichen Exkommunizierungen) nicht aus. Seine Verteidigung dieser Exzesse im Zeichen von Einigkeit und Konsolidierung geht mitunter allzu weit. So wenn er schreibt, der Wunsch nach mehr Großherzigkeit fuße auf einem Toleranzbegriff, "den eine wachsende Religion nicht haben kann". Auch wünschte man sich manches bedeutsame Detail breiter dargestellt. So das Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.), das zur ersten Kirchenspaltung führte. Aufs Ganze gesehen aber ist Lausters Historiengemälde uneingeschränkt empfehlenswert.

Wenn es, je weiter wir uns der Moderne nähern, eine Grundlinie in der europäischen Christengeschichte gibt, dann diese: Je mehr sich die Religion in die Politik einmischte, desto stärker wuchs das Bedürfnis der Gläubigen, sie "durch das Nadelöhr des Subjekts" zu führen. Sprich sie durch innere Überzeugung wieder zu läutern. Im Gefolge der Aufklärung setzte eine Vervielfältigung des Christentums ein. Und damit eine vehemente Religionskritik (Marx, Feuerbach, Nietzsche, Freud) und die Spiegelung der transzendentalen Obdachlosigkeit in Literatur, Musik und Kunst. "Fundamentalismus und Säkularisation sind (heute) zwei von vielen möglichen Optionen", bilanziert Lauster am Ende. Die überfällige Entdogmatisierung der Kirche sei nicht mit Entchristianisierung zu verwechseln, betont er. Gibt es ihn doch immer noch, den "Überschuss des christlichen Welterlebens".

Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums. C.H. Beck, 734 Seiten, 34 Euro.