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Leitartikel
Erinnerungskultur, die hellwach macht

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Siebzehn Jahre lang dauerte der Kampf um das Holocaust-Mahnmal in Berlin. 13 Jahre ist das her, mittlerweile gehen Mahnmal-Selfies rund um die Welt. Erschütterung und Entspannung, das geht plötzlich zusammen. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Die Gedächtniskultur, sagen Zeithistoriker, habe sich kommerzialisiert und banalisiert. Wer wollte widersprechen? Insbesondere, wenn Erinnerungsorte dem Stadtraum eingeschrieben sind wie etwa der Rabbiner-Rülf-Platz in Saarbrücken, normalisiert sich mit der Zeit der Blick, egal, wie hochkarätig Konzept oder Optik auch sein mögen. Es gibt also gute Gründe dafür, warum man Gedenkorte dem öffentlichen Raum entzieht. Dies ist in der Völklinger Hütte so. Dort wurde dieser Tage das NS-Zwangsarbeiter-Mahnmal von Christian Boltanski eingeweiht, es kann nur mit Sonderregelungen kostenlos besucht werden. Das „Völklinger Aktionsbündnis für den Frieden/Stolpersteine“ hat dies kritisiert. Und vergisst dabei, dass dieses Mahnmal nicht das Mahnmal der Stadt Völklingen ist, sondern das des Kunst- und Kulturortes Völklinger Hütte.


Noch immer schwelt das Misstrauen gegenüber dem Weltkulturerbe-Chef Meinrad Maria Grewenig. Nicht grundlos, denn der brauchte 14 Jahre, bevor er das Thema NS-Zeit anpackte. Kein Ruhmesblatt, selbst wenn man die Beweggründe ahnt: Massenpublikum ist mit „dunklen“ regionalhistorischen Themen nicht zu generieren. Doch jetzt hat einer der bedeutendsten zeitgenössischen  Konzeptkünstler die ausgetretenen Erinnerungs-Pfade verlassen. Boltanskis Kunstwerk lässt sich nicht als schnelle Schutzimpfung gegen Rechtsextremismus konsumieren. Es löst die NS-Zeit aus dem Muster der erzählten „human story“, macht hellwach, vermeidet moralische Routine. Diese Erfahrung braucht eine schützende Hülle.

Erstmals, 25 Jahre nachdem Jochen Gerz am Saarbrücker Schlossplatz sein „Unsichtbares Mahnmal“ realisierte, zieht durch die Boltanski-Installation in die hiesige Erinnerungskultur wieder eine künstlerische Qualität von internationalem Rang ein. Dies zu konstatieren, bedeutet keineswegs, all das, was Gemeinden und zivilbürgerliche Initiativen leisten, gering zu schätzen. All das ist notwendig und großartig, weil der Aufarbeitungs-Konsens ein Grundpfeiler unserer gesamtgesellschaftlichen  Verfasstheit ist. Sie wurzelt nicht zuletzt im aufklärerischen Impuls der 68er Generation gegenüber der „Väter- und Tätergeneration“. .Nicht von ungefähr hat sich die AfD die „dämliche Bewältigungspolitik“ (Björn Höcke) als Kampffeld ausgesucht und bläst zur „erinnerungspolitischen Wende“. Der Gedächtniskultur-Boom im Saarland, der letzthin zu verzeichnen ist, lässt sich nicht losgelöst von der AfD betrachten. Homburg wird aktiv, auf dem Spurker Friedhof (Wadgassen) entstand ein Gedenkort für alle Verfolgten, das Saarbrücker Gestapolager Goldene Bremm erlebte seinen letzten Ausbau, und Landtagspräsident Stefan Toscani (CDU) begab sich mit Schülern auf Erinnerungsorte-Besuchstour durch alle Kreise. Hinter all diesen Aktivitäten steht die Botschaft: „Unsere Demokratie ist in Gefahr.“ Erinnerungskultur war noch nie Selbstzweck, sondern ist immer hochpolitisch.