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Veteranen unter südlicher Sonne

Cannes. Unter der Sonne der Côte d'Azur läuft es auch nicht anders als anderswo: Wie man's macht, macht man's verkehrt. Im Falle des wichtigsten Filmfestivals heißt das: Setzt es im Wettbewerb um die Goldene Palme auf Entdeckungen unbekannter Talente, lassen sich die großen Namen von Berlin oder Venedig locken Von SZ-Redakteur Tobias Kessler

Cannes. Unter der Sonne der Côte d'Azur läuft es auch nicht anders als anderswo: Wie man's macht, macht man's verkehrt. Im Falle des wichtigsten Filmfestivals heißt das: Setzt es im Wettbewerb um die Goldene Palme auf Entdeckungen unbekannter Talente, lassen sich die großen Namen von Berlin oder Venedig locken. Bindet Cannes aber die großen bekannten Autorenfilmer an sich, wirkt der Wettbewerb überraschungsarm. Das muss sich der 62. Jahrgang vorwerfen lassen: Er ist ein Veteranentreffen der guten alten Bekannten. Unter den 20 Regisseuren der Wettbewerbsfilme haben vier schon die Goldene Palme im Schrank. Der Däne Lars von Trier etwa ("Dancer in the Dark") zeigt sein Horrordrama "Antichrist" mit Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe; gedreht hat er es in Nordrhein-Westfalen. A propos: Andere deutsche Präsenz als Drehorte oder Zuschüsse finden sich diesmal nicht im Wettbewerb. Der Österreicher Michael Haneke etwa bringt den deutsch bezuschussten Film "Das weiße Band" über den Faschismus der 20er Jahre nach Cannes; US-Filmer Quentin Tarantino zeigt seine in Berlin und Potsdam gedrehte Kriegsfilm-Farce "Inglorious Basterds" und hofft, nach einigen schwachen Filmen an alte "Pulp Fiction"-Zeiten anzuknüpfen - auch wenn erste Szenen nicht darauf schließen lassen. Brad Pitt spielt die Hauptrolle, reist nach Cannes und wird wohl mit Gattin Angelina Jolie die bunten Pressebilder dominieren.Ang Lee ("Brokeback Mountain") zeigt seine Hippie-Komödie "Taking Woodstock", Pedro Almodóvar präsentiert "Gelöste Umarmungen" mit Penelope Cruz; Ken Loach, der altlinke Brite, lässt in "Looking for Eric" den rustikalen Fußballspieler Eric Cantona Lebensweisheiten vermitteln; Jane Campion ("Das Piano") erzählt in "Bright Star" von der Liebesgeschichte des Dichters John Keats und seiner Muse Fanny Brawne. Hongkong-Filmer Johnnie To, der mühelos Kommerz und Kunst zusammenbringt, schickt im Actiondrama "Vengeance" die französische Ikone Johnny Hallyday in den Kugelhagel; Filmlegende Alain Resnais ("Letztes Jahr in Marienbad") reist mit "Les herbes folles" an, drei Wochen vor seinem 87. Geburtstag. Befinden wird über den Wettbewerb die Grand Jury, geleitet von der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert. Nach Liv Ullmann, Jeanne Moreau und Françoise Sagan ist sie die vierte Frau an der Spitze des Gremiums, das die Goldene Palme vergibt. Der Rahmen des Festivals frönt weniger dem Autorenkino denn dem massentauglichen Film: Zur Eröffnung läuft heute der dreidimensionale US-Animationsfilm "Oben" aus dem Hause Disney-Pixar, zum Finale am 24. Mai Jan Kounens "Coco Chanel & Igor Stravinsky". Außer Konkurrenz kann man Terry Gilliams "The Imaginarium of Doctor Parnassus" sehen, den letzten Film mit dem früh verstorbenen Heath Ledger.Und während im Großkino des Festival-Palais die erhofften Meisterwerke laufen, wird im Keller des Gebäudes beim "Film Market" und in den Hotelsuiten der Flaniermeile über Projekte verhandelt, die mit Kunstkino weniger im Sinn haben: Hier gehen Finanzen für und Rechte an Action- und Gruselfilmen, Krimis und Komödien über den Tisch. Auch das ist Cannes, das Festival der schönen Gegensätze.



Auf einen BlickWie jeden Mittwoch ein Blick auf die neuen Filme dieser Woche in der Region. In den meisten Kinos startet die Dan-Brown-Verfilmung "Illuminati": Tom Hanks spielt einen Wissenschaftler, der einen Anschlag auf den Vatikan verhindert - gelungenes Spannungskino. "17 again", ebenfalls in einigen Kinos zu sehen, ist eine müde Komödie über die Midlife-Krise. Die sehenswerte Dokumentation "El Sistema" (Filmhaus, Sb) schildert die Arbeit eines Musiknetzwerks in Venezuela, das für vernachlässigte Kinder einen Platz in der Gesellschaft finden will. Im eigenwilligen Drama "Maria am Wasser" (Filmhaus, Sb) kehrt ein totgeglaubter junger Mann in das Dorf seiner Heimat zurück - mit weit reichenden Folgen. Der beste Film der Woche stammt von François Ozon: "Ricky" (Camera Zwo, Sb) ist gleichzeitig Melodram aus dem Arbeitermilieu und märchenhafte Komödie: Um ein Pärchen geht es und um dessen Sohn, an dessen Rücken merkwürdige Gebilde wachsen. red