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Verpönt, vergessen – wiederentdeckt

Verklärtes Landleben jenseits der Industriellen Revolution malte Hans Thoma 1876 mit „In der Hängematte“. Fotos: Städel Museum/Artothek
Verklärtes Landleben jenseits der Industriellen Revolution malte Hans Thoma 1876 mit „In der Hängematte“. Fotos: Städel Museum/Artothek
Frankfurt. Die Nazis feierten den Schwarzwälder als „urdeutschen Maler“. Das Etikett blieb haften, obwohl Hans Thoma neun Jahre vor der NS-Machtergreifung starb. Das Städel-Museum in Frankfurt widmet ihm eine Retrospektive. Von SZ-MitarbeiterBülent Gündüz

Was hat man Hans Thoma nicht alles für Etiketten angeheftet: Für seine Kollegen war er wegen seiner pittoresken Schwarzwaldbilder der "Hühnermaler", Meyers Konversationslexikon lobte ihn 1909 als "Lieblingsmaler der Deutschen" und für die Nationalsozialisten war er der letzte "große urdeutsche Maler". Hängen geblieben ist vor allem das Lob der NS-Ideologen, weshalb er nach dem Zweiten Weltkrieg in den Museumsdepots verschwand. Dabei konnte sich Thoma gar nicht wehren, war er doch 1924 gestorben, bevor Adolf Hitler Gefallen an seiner Arbeit fand und seine Bilder für das Führermuseum kaufte.

Heute besitzt das Frankfurter Städel Museum die größte Thoma-Sammlung. Das Haus ist nicht ganz unschuldig am Thomas Ruf als Lieblingsmaler der Nationalsozialisten. 1934 zeigte man hier eine monografische Thoma-Präsentation der NS-Kulturgemeinde und gab 1939 eine Broschüre heraus, die Thomas "arische" Abstammung feierte. Es lag also nahe, dass das Museum dem Künstler nun endlich ein wenig Rehabilitation angedeihen lassen möchte: Die Besucher flanieren über grünen Kunstrasen, die Wände sind in grellem Orange und Violett gehalten. Was wohl eine unvoreingenommene Neubetrachtung ermöglichen soll, schadet aber, weil die Werke im Wandfarbenfiasko untergehen. Hans Thoma wurde 1839 als Sohn eines Holzarbeiters im Schwarzwald geboren. Der Junge aus ärmlichen Verhältnissen studierte dank eines Stipendiums an der Großherzoglichen Kunstschule in Karlsruhe. In den folgenden Jahren malte Thoma vor allem ländliche Ansichten als Momentaufnahmen des stillen Glücks und einer innigen Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Bei einer Reise nach Paris lernte er Gustave Courbets Werk kennen und war sofort beeindruckt. Ein Zusammentreffen mit Arnold Böcklin inspirierte Thoma zu einer andauernden Auseinandersetzung mit allegorisch-mythologischen Motiven mit düsteren Anklängen. Zwischen 1877 und 1899 lebte Thoma in Frankfurt. Hier entstanden wunderbare Porträts der besseren Gesellschaft, die bald zu den Förderern des Malers gehörte. Er wurde bekannt, galt als Prototyp des deutschen Malers.

In Frankfurt lernte der spätere Professor und Direktor der Kunsthalle Karlsruhe Cosima Wagner kennen, die Ehefrau Richard Wagners. Für die Bayreuther Festspiele gestaltete Thoma Kostüme und Wanddekorationen. Der Ring des Nibelungen faszinierte ihn so sehr, dass er den Opernzyklus malerisch umsetze. Da ziehen Götter nach Walhall und germanische Krieger reiten durch Feuersbrünste. All das passte perfekt in die Ideologie der Nazis, die die Gemälde begeistert als "deutsche Malerei" feierten.

Doch Thomas sozialdemokratisch angehauchte Kapitalismuskritik am Kunstmarkt und seine Heimatliebe als übersteigerten Sozialismus mit nationalem Einschlag zu verunglimpfen, war mehr als unverschämt. So war die Rehabilitation des Malers als eine der zentralen Figuren der deutschen Kunstgeschichte um die Jahrhundertwende längst überfällig. Es bleibt zu hoffen, dass man ihn nun öfter in Schauen trifft.

Geöffnet bis 29. September, Städel Museum, Frankfurt.



Nibelungen-Gemälde wie „Wotan und Brünhilde“ (1876) nutzten die Nazis für ihre Ideologie.
Nibelungen-Gemälde wie „Wotan und Brünhilde“ (1876) nutzten die Nazis für ihre Ideologie.