Verjüngungskur für die alte Dame

Verjüngungskur für die alte Dame

Bis November wird das Große Haus des Staatstheaters grundsaniert. Die komplette Bühnentechnik des 75 Jahre alten Baus muss für 15 Millionen Euro erneuert werden. Teil zwei unseres Baustellen-Tagebuchs.

Gut einen Monat Baustelle - und Ralf Heid ist immer noch die Ruhe selbst. "Alles Planung", meint der Technische Direktor des Staatstheaters. Die akribische Vorarbeit von fast zwei Jahren rentiert sich nun wohl. Und seine ständigen "Patrouillengänge". Auf der Baustelle Theater ist man offenbar in der Zeit; keine Selbstverständlichkeit bei Kulturgroßunternehmungen im Saarland wie man weiß.

Im Großen Haus sieht kaum noch was aus wie früher. In der Seitenwand zur Saar hin klafft ein Riesenloch - der Zu- und Abweg fürs schwere Gerät. Das Bühnenhaupthaus füllt komplett ein Gerüst. Ein Stahlstrebengeflecht wächst da 23 Meter in die Höhe. "Das brauchen wir, um die Obermaschinerie zu demontieren", erklärt Heid. Oben unterm Bühnendach sprühen Schneidbrenner Funken, die in die Tiefe regnen. Dort steht Feuerwehrmann Dirk Kirchner und macht Regen mit dem Schlauch. Ständig muss der Holzboden gewässert werden, der Brandgefahr wegen. "Vorschrift", sagt Heid. Wie überhaupt die Baustelle gesichert ist wie ein Banktresorraum. Zutritt gibt's nur mit Anmeldung und elektronisch lesbarem Ausweis.

Viel haben sie schon geschafft, zählt Heid auf. Die Obermaschinerie mit den Zug-einrichtungen für Vorhänge und Bühnenbild ist so gut wie demontiert, Feuerlöschanlage und Seitenwagen ausgebaut. Auch das Inspizientenpult ist abgerissen. Und 16 000 Liter Hydraulikflüssigkeit wurden gerade in einen Tankwagen abgepumpt. Wasser mit Korrosionsschutz versetzt. Wobei der nicht immer funktionierte, sagt Heid. An den Kolben der Pumpen für die Hubpodien nagte doch der Rost, so dass sich ein Podium bei einer Vorstellung wegen ungewollten Pumpendrucks selbständig machte. Unverhofft ging's für die Schauspieler nach oben. Nur ein Beispiel, warum die Sanierung der Bühnentechnik so Not tut.

Die alte Dame Staatstheater lässt sich die Verjüngungskur bislang aber gut gefallen. Widerspenstigkeiten, böse Überraschungen? Fehlanzeige. Höchstens Kurioses begegnet den Arbeitern. Oben unterm Dach etwa ein Reichsadler im Mörtel. Hin und wieder stößt man eben auf die besondere Geschichte des Hauses, das Hitler den Saarländern als "Dank" für die Saarbabstimmung zum Geschenk machte. Historisch ist inzwischen auch eine Markierung, die sich im Keller findet. Mit Filzstift und - sehr international - in Englisch hat jemand den Pegelstand der Saar Ende Dezember 1993 markiert, als das Saarbrücker Jahrhunderthochwasser auch ins Theater schwappte. Direkt daneben warten die dicksten Brocken auf den Abrisstrupp. Hydrauliktanks, die 65 Bar Druck aushalten. Acht Zentimeter dicker Stahl - noch von 1937, dem Errichtungsjahr des damaligen "Gautheaters". "Das wird richtig Arbeit", sagt Heid. Stück für Stück muss der Stahl mit Schneidbrennern zerlegt werden - bis dann auch ein Stück Geschichte des Staatstheaters abtransportiert werden kann.