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Bürgerkrieg
USA und Europa schauen in Syrien nur ohnmächtig zu

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Die sich zuspitzende Lage in Syrien scheint auf ein apokalyptisches Ende zuzusteuern. Das offenkundige Massaker der syrischen Armee in Ost-Ghuta könnte gar die grauenvolle Bombardierung Aleppos 2016 mit Tausenden von Toten und der Vertreibung von mehr als 30 000 Menschen in den Schatten stellen. Eine Einigung auf einen Waffenstillstand wäre bitter nötig, um wenigstens einige Menschenleben zu retten und die Versorgungslage der rund 400 000 eingekesselten Bewohner vorübergehend zu verbessern. Doch eine Waffenstillstands-Resolution scheiterte zunächst am Veto Moskaus. Es ist das alte Planspiel Putins, der damit seinem strategischen Partner in Damaskus den Rücken frei hält, ihm Zeit verschafft. Zeit, um das Morden an seiner Bevölkerung voranzutreiben. Woran sich Russland darüber hinaus durch Bombardements und Aufklärungsflüge zugunsten der Assad-Armee auch operativ beteiligt. Von Iris Neu-Michalik

Das freilich stärkt den syrischen Machthaber in seiner Zuversicht, jetzt alles auf die Karte Sieg setzen zu können. Denn Ghuta, die Rebellenhochburg unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt Damaskus, war Assad schon immer ein Dorn im Auge: Dort soll er nicht nur ein Mal mit Giftgas gegen Zivilisten vorgegangen sein. Nun aber konzentriert er in dieser Region die mörderische Kraft seiner Truppen, die zuvor verteilt an mehreren Fronten des Landes kämpften.


Wie und ob dieser Krieg zu stoppen ist, wird immer fraglicher. Insbesondere aufgrund der völlig unübersichtlichen Gemengelage aus involvierten Teilnehmern und den sich ständig verschiebenden Bündnis-Achsen. So droht etwa die jüngste türkische Offensive in Afrin die Kurden, die sich von allen verraten fühlen, in die Arme Assads zu treiben. Das wiederum könnte Washington, das als Gegner des syrischen Regimes mit kurdischer Hilfe in den Konflikt eingriff, um den IS-Terror zu zerschlagen, in Verlegenheit bringen.

Ohnehin aber haben sich die USA als Ordnungsmacht weitgehend zurückgezogen – und das nicht erst, seit Donald Trump im Weißen Haus so desaströs die Strippen zieht. Schon zuvor hatte Barack Obama alle ordnenden Zügel aus der Hand gleiten lassen. Seine Unentschlossenheit war mit dafür verantwortlich, dass die Lage in Syrien aus dem Ruder lief. Dazu gehörte vor allem, dass er den Herrscher von Damaskus, anders als angekündigt, unbehelligt die von Washington definierten „roten Linien“ überschreiten ließ. Ein Freifahrtschein für das Assad-Regime. Die Schwäche Washingtons schuf jenes verhängnisvolle Vakuum im Nahen Osten, das von Moskau und Teheran machtlogistisch wie waffentechnisch gefüllt wurde. Die EU erwies sich von Anfang an als weltpolitischer Zwerg, der dem Treiben mehr oder minder ohnmächtig zuschaut. Auch weil sich die Mitgliedstaaten um keinen Preis in den Konflikt hineinziehen lassen wollten. Indes, nichts tun ist auch handeln: Der Preis dafür sind die kriegsgebeutelten Flüchtlinge vor den Toren Europas. Es könnten bald noch weit mehr Zuflucht suchen. Eine politische Lösung ist jedenfalls vorerst nicht in Sicht.