Selbsthilfegruppe: Trotz Sehbehinderung mit Lebensfreude den Alltag meistern

Selbsthilfegruppe : Trotz Sehbehinderung mit Lebensfreude den Alltag meistern

Der Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland unterstützt seit 90 Jahren alle, die blind oder sehbehindert sind, bei alltäglichen Aufgaben.

Wenn das Augenlicht schwindet und alltägliche Handgriffe eine große Herausforderung darstellen, dann ist guter Rat teuer. Den bietet der vor etwa 90 Jahren gegründete Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland (kurz: BSV-Saar). In die drei Bezirksgruppen Saarbrücken, Saarlouis und Neunkirchen eingeteilt, ist der Verein allen eine Hilfe, die selbst blind oder sehbehindert sind. Aber auch Angehörige und Freunde eines Betroffenen können sich mit ihren Fragen an den Verein wenden. Berater wie Martin Linsmann oder Silvia Hame zählen selbst zu den Betroffenen. Trotz Sehbehinderung meistern beide privat wie beruflich problemlos und mit viel Lebensfreude ihren Alltag. Dabei greifen sie auch auf Hilfsmittel zurück, die ihnen das Leben erleichtern.

Linsmann engagiert sich seit dem Ende der 1970er-Jahre im BSV-Saar und leitet heute die Bezirksgruppe Neunkirchen. „Er ist unser Urgestein im Verein“, verrät Hame mit einem Lächeln. Sie unterstützt Linsmann seit 2006 als Beisitzerin. Linsmann wurde bereits mit einem blinden Auge geboren, sein zweites Auge war stark sehbehindert. Dennoch wurde der heute 63-Jährige regulär in der Grundschule eingeschult. Da sich sein Restsehvermögen nach und nach verschlechterte, besuchte er später die 1964 eröffnete Schule für Sehbehinderte in Lebach. Im Bildungsinstitut des Berufsförderungskwerkes in Mainz absolvierte Linsmann eine Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister. Heute arbeitet er als Masseur im Marienkrankenhaus in St. Wendel in der physiotherapeutischen Abteilung. In seinem Büro fällt vor seinem Computer ein Gerät ins Auge, das die herkömmliche Tastatur ergänzt. „Das ist eine spezielle Leiste zum Lesen des Bildschirminhalts. Der Text wird mir auf dieser sogenannten Braillezeile als Brailleschrift angezeigt. Mit meinen Fingerkuppen kann ich die Zeichen abtasten und lesen“, erklärt Linsmann. Die Brailleschrift ist die 1825 von Louis Braille entwickelte  Blindenschrift. „Die Braillesschrift zu erlernen, erfordert viel Ausdauer und Üben. Das ist wie in der ersten Klasse, wenn man Lesen und Schreiben lernt“, erklärt Silvia Hame. Sie hat selbst schon Unterricht zum Erlernen der Blindenschrift gegeben: „Mein ältester Schüler war 78 Jahre alt. Da es mühsam ist, sich die Braille anzueignen, nutzen viele auch Sprachrekorder oder Diktiergeräte.“ In den 1980er-Jahren absolvierte die heute 53-Jährige in Heidelberg eine Ausbildung zur Datenverarbteiungskauffrau. Seit 2003 lebt sie im Saarland. Silvia Hame kam mit einer erblich bedingten Netzhauterkrankung, der Retinitis Pigmentosa, auf die Welt. Erste Anzeichen wie Nachtblindheit und Einschränkung des Sehfeldes machten sich bei ihr bereits in jungen Jahren bemerkbar. Die Grundschule durchlief sie noch in einer Regelschule und wechselte später in eine Sehbehindertenschule. „Im Alter von 14 Jahren konnte ich schon sehr wenig sehen. Das war manchmal schon ein harter Kampf, die Augenerkrankung zu akzeptieren. Manchmal fragte ich mich warum. Aber ich habe das dann als Herausforderung angenommen“, erinnert sich Hame. Für Menschen, die erst im fortgeschrittenen Alter ihr Sehvermögen verlieren, sei es besonders schwer, den Alltag zu meistern. „Das fängt schon beim Essen an. Man muss lernen, sich auf dem Teller zurechtzufinden. Mit dem Besteck die Kartoffel zu finden, und die Gabel dann sicher zum Mund zu führen, ist anfangs nicht so leicht“, erklärt Hame. „In Schulen habe ich schon mal einen Mittag der Sinne angeboten und ein Dunkel-Café organisiert. Hier nahmen die Schüler in absoluter Dunkelheit ihren Kuchen zu sich und bekamen ein Gefühl dafür, wie man ohne Augenlicht lebt“, ergänzt Linsmann.

In speziellen Selbsthilfekursen werden Betroffene in diesen Alltagsfertigkeiten geschult. „Diese Kurse werden bisher leider nicht von den Krankenkassen gefördert. Unser Bundesverband arbeitet aber daran, dass sich dies ändert“, kritisiert Hame diesen Bereich der Gesundheitspolitik. Viele Menschen fühlen sich im Umgang mit Blinden ein wenig unsicher. „Es kommt schon mal vor, dass der Arzt den Ehemann fragt, wie es denn seiner nebst stehenden erblindeten Gattin gehe. Dabei könne diese durchaus für sich selbst sprechen“, erzählt Linsmann. Er selbst nimmt grundsätzlich Hilfe an, auch wenn er wunderbar alleine klarkommt: „Mir geht es dabei darum, den Hilfeanbietenden nicht vor den Kopf zu stoßen. Wenn er beim nächsten Mal eine weitere Ablehnung erhält, bietet er beim dritten Mal vielleicht seine Hilfe nicht mehr an, obwohl es in diesem Falle vermutlich durchaus von Nöten sein könnte.“ Der Selbsthilfetag am 8. September in St. Wendel soll helfen, diese Berührungsängste abzubauen. An diesem Tag können Besucher am Info-Stand des BSV-Saar Simulationsbrillen aufsetzen, die verschiedene Augenerkrankungen simulieren. Mit geschlossenen Augen können in Fühl-Dosen verschiedenen Stoffe ertastet werden. „Wir haben auch eine mechanische Blindenschriftschreibmaschine dabei“, verrät Hame.