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Kino-Tipp
Prächtige Bilder für Scharlatanerie missbraucht

 Regisseur Maidatchevsky begleitet ein Jahr lang ein neugeborenes Rentier.
Regisseur Maidatchevsky begleitet ein Jahr lang ein neugeborenes Rentier. FOTO: Verleiher / Diverse
„Ailos Reise“ von Guillaume Maidatchevsky gaukelt das Verständnis für Natur nur vor.

Eisig ist der Winter in Lappland, als Ailo zur Welt kommt. Der Rentierjunge muss binnen einer Stunde laufen, binnen eines Tages schwimmen und sehr bald danach auch Futter finden können, wenn er überleben will.


Fast hätte ihn seine Mutter allein im Schnee zum Sterben zurück gelassen, doch ihre Gedanken überwiegen die instinktive Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Lage. Sie säugt den Kleinen, obwohl die Herde bereits weit voraus ist auf dem Weg hinab zu den saftigen Wiesengründen.

Gemeinsam geht es durch Kälte und Schnee und einen reißenden Fluss. Entlang des Weges lauern Raubtiere darauf, den kleinen Bock zu verspeisen können. Aber Ailo hat Geschmack am Leben gefunden und er hat ein Kämpferherz.



Und da regen sich die Leute auf, dass Walt Disney in den 1950er Jahren Tierfilme drehte, in denen den Tieren für den dramatischen Effekt menschliche Eigenschaften zugesprochen wurden. Fast 70 Jahre später gibt es immer wieder neue Tierfilme, die mit beträchtlichem technischem Aufwand die Natur ablichten, aber inhaltlich auf dem gedanklichen Level von „Lassie“ und „Flipper“ operieren. Wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist, wenn denn ehrlich gespielt würde. Aber hier wird wissenschaftlicher Anspruch und Verständnis für Natur vorgegaukelt.

Erwachsene mögen sich wohl wundern über den recht tantenhaft anmutenden Text, den Anke Engelke für die deutsche Fassung eingesprochen hat. Kinder werden nachdenkliche Tiere für bare Münze nehmen und auch nicht erkennen, wie manche Wahrheit durch versierte Schnitttechnik passgenau zurechtgebogen wird. Es ist wirklich schade, dass die prächtigen Naturbilder für derart plumpe Scharlatanerie missbraucht wurden.

Frankreich/Finnland/Deutschland 2018, 86 Min., Regie und Buch: Guillaume Maidatchevsky; Kamera: Daniel Meyer; Musik: Julien Jaouen; Erzählerin: Anke Engelke.